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Prägende Rolle: Angelika Boesch. Foto: Archiv

Angelika Boesch - Glaube als Mut

Die Jahre im katholischen Internat hat sie in schlechter Erinnerung. Den Rosenkranz, der regelmässig als Bussübung verordnet wurde, betete sie lieber auf lateinisch – so war sie schneller fertig. Aus ihrem Internatsjahrgang ist sie zusammen mit einer Kollegin, die Ordensschwester geworden ist, eine der wenigen, die nicht aus der Kirche ausgetreten sind. Dass Angelika Boesch nicht nur selber dabei geblieben ist, sondern auch eine prägende Rolle in der Berner Kirche eingenommen hat, hat mit einer Begegnung mit der feministischen Theologin Catharina Halkes und dem Befreiungstheologen Leonardo Boff Anfang der 1970er Jahre zu tun. «Wenn diese Theologie katholisch ist, dann bin ich es auch», war ihr Fazit. Später übernahm sie mit nur 27 Jahren die traditionell-katholische Berner Diaspora- Buchhandlung, in der sie ihre Lehre gemacht hatte. Mit der Neugründung setzte sie 1975 auf progressive Literatur im Geiste des 2. Vatikanischen Konzils und darüber hinaus. Gleich zu Beginn landete sie ihren ersten grossen Coup: Karl Rahner, einer der weltweit angesehensten katholischen Theologen, dem sie bei einemzufälligen Treffen von ihrem Plan erzählt hatte, versprach ihr: «Wenn Sie das machen, schenke ich Ihnen zur Eröffnung einen Vortrag!» So sprach Rahner im Alfa-Zentrum vor 800 Personen zum Thema «Glaube als Mut», und die Buchhandlung Voirol und die von ihr veranstalteten Vorträge waren fortan nicht mehr aus Bern wegzudenken. Von Dorothee Sölle über Eugen Drewermann, Elisabeth Kübler-Ross bis Luise Rinser waren die bekanntesten Namen zeitgenössischer Theologie und Gesellschaftspolitik in Bern zu Gast. «Ich wollte immer, dass Theologie auch Spass macht. Und: Die Auseinandersetzung um zeitgemässe Theologie muss sportlich sein. Man muss auch Niederlagen einstecken können, denn die hat man am Laufmeter», meint Angelika Boesch rückblickend. Einer ihrer «gut katholischen» Stammkunden hat die Gespräche an der Buchhandlungstheke akribisch notiert – aus «ernsthafter Sorge», wie er Angelika Boesch später nach Auffliegen des Fichenskandals versicherte …

Von 1995 bis zu ihrer Pensionierung 2010 arbeitete Angelika Boesch als erste Frau in der Berner «pfarrblatt»-Redaktion. Auch diese Stelle verstand sie als Bildungsarbeit, die Menschen zum eigenständigen Denken und Glauben ermutigen wollte. Wichtig waren ihr dabei nicht die grossen weltkirchlichen Entwicklungen, sondern kleinere, kreative Initiativen und Basisbewegungen. Ihnen wollte sie eine Plattform bieten und so vermitteln, dass Kirche viel erreichen kann, wenn sie Verbündete findet.
Doch gerade das hält Angelika Boesch heute für stark gefährdet. Die Entpolitisierung der Kirche beobachtet sie mit grosser Sorge. «Wenn Kirche wenigstens eine Gegenwelt wäre – aber sie bildet viel zu oft eine abgeschlossene Nebenwelt», sagt sie. «Es fehlt immer mehr an Mut, weil die Kirche sich selbst ins Abseits manövriert und keine Verbündeten mehr hat. Wie soll man denn Mut entwickeln, wenn man eine Einzelkämpferin, ein Einzelkämpfer ist?»

Detlef Hecking

Die Jahresserie 2016 im Überblick

27. Juli 2016
erstellt von «pfarrblatt»
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