Joseph Maria Bonnemain, neuer Bischof des Bistums Chur. Foto: Manuela Matt/kna

Animation für das Bistum Chur

Ein Kommentar von Andreas Krummenacher

Eigentlich hätte er im November gewählt werden sollen, der neue Bischof des Bistums Chur. Da sich aber die versammelten Priester nicht einmal im Ansatz auf einen Kandidaten einigen konnten, hat nun der Papst Joseph Bonnemain (72) zum Bischof für die Katholik:innen in den Kantonen Graubünden, Schwyz, Uri, Glarus, Ob- und Nidwalden und auch Zürich ernannt.

Im Bistum Chur gibt es zwischen dem Bündner Hauptort und der Stadt Zürich vielfältige Spannungen, Konflikte und Grabenkämpfe – offenbar seit Jahrzehnten. Nennen Sie einen Punkt im Spektrum der Etiketten konservativ und progressiv – Sie werden ihn in diesem Streit finden. Vom Gottesdienst in lateinischer Sprache, über die Rolle der Frau in der Kirche bis hin zu den demokratisch organisierten Kirchgemeinden als angebliches «Korsett des Staates» im Unterschied zu den Pfarreien.

Es geht um Einfluss, um Macht und die Deutungshoheit darüber, was denn letztlich katholisch sei. Die Protagonisten wollen oftmals einander den eigenen Willen aufzuzwingen, egal was kommt. Die einen etwas mehr als die anderen. Die alte Mentalität einer unterdrückerischen Kirche, in der Fürstbischöfe diktatorisch regieren konnten, scheint in Teilen noch nicht ausgestorben.

Was wäre wenn?

Stellen Sie sich nun vor, Papst Franziskus hätte heute auf die Ernennung eines Bischofs gänzlich verzichtet. Es gab einmal ein Modell im französischen Bistum Poitiers, wonach es keine Leitung mehr gibt, sondern nur noch «Animation». Das hätte der Papst nun exemplarisch auf die höchste Ebene des Bistums Chur ausgeweitet.

Die Berufung der Menschen kommt aus der Taufe und der Firmung. Wir alle übernehmen Verantwortung für die Qualität des Lebens, für die Qualität der Pastoral. Es ist ein Zusammenspiel von Interessen, Fähigkeiten und Abmachungen. Im Modell Poitiers geht man auf Menschen zu. Es gibt keine «unnützen Knechte» in der Kirche. Sie schliesst alle ein, sucht Beziehung und Kontakt, auch zu jenen, die nicht (mehr) zur Kirche kommen. Es geht um Kooperation, um Zusammenarbeit. Barmherzigkeit und Nachsicht gegenüber Personen mit unterschiedlichen kirchlichen Ausrichtungen sind dabei selbstverständlich ...

Das mediale Getöse um die Ernennung von Bischöfen und Weihbischöfen ist Schall und Rauch. Die Machtstrukturen werden damit noch mehr zementiert. Viele Menschen haben einer solch lauten Kirche der Selbstgerechtigkeit, des Zeremoniells und der Eitelkeit längst den Rücken gekehrt.

Joseph Bonnemain, so wird berichtet, ist überaus intelligent, gebildet, sprachgewandt, kommunikativ. Er ist Arzt, Theologe, Spitalseelsorger, hat einen Doktortitel in Kirchenrecht. Die Grussbotschaft des neuen Bischofs an die Gläubigen im Bistum Chur stimmt optimistisch. Er schreibt nämlich: «Es ist logisch, dass die Nachricht der Entscheidung des Papstes auch mediale Aufmerksamkeit erfährt. Dennoch dürfen wir uns davon nicht ablenken lassen. Wir sollten uns nicht auf diese Ernennung fokussieren. Die wichtigen Nachrichten sind andere. Die wichtigen Nachrichten betreffen etwa Menschen, die unter der Pandemie leiden, die Opfer geworden sind und sich in vielerlei Hinsicht in einer schwierigen Situation befinden. Solche Menschen müssen für uns Priorität haben und an erster Stelle stehen.»

Ich wünsche Herrn Bonnemain Gottes Segen. Möge er der Brückenbauer sein, auf den viele im Bistum Chur hoffen.

 

 

15. Februar 2021
erstellt von «pfarrblatt»
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