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Hans Weber. Foto: Christina Burghagen

Die Organisatoren des Friedensgebetes: Diakon Patrick Erni, Imam Azir Aziri und Hans Weber. Foto: Christina Burghagen

Anpassung oder Integration?

Ich lese einen Text von Laila Mirzo* «Ein aufgeklärter Mensch kann sich von Mohammed nur distanzieren». Frau Mirzo, ist sogenannte Ex-Muslimin, kennt aus eigener Erfahrung den im Nahen Osten praktizierten islamischen Glauben. Sie lebt nun in Österreich, hat aber meiner Meinung nach ihr kulturelles Erbe sorgsam mitgebracht.

Durch viele Gespräche mit Christen und Moslems ist mir aufgefallen, dass der Mensch seine kulturellen Wurzeln nicht verlieren kann, er würde sich sonst entwurzeln. Jedoch habe ich ebenso feststellen können, dass die angestammte Kultur auf jeden Fall die Integration in eine neue Heimat zulässt. Ein starker, selbstbewusster Mensch ist absolut in der Lage, sich den Erfordernissen einer anderen Kultur anzupassen. Sollte die neue Kulturheimat den Zugewanderten nicht integrieren, dann wird er sich NICHT integrieren lassen, denn er hat keine neue Heimat gefunden.

Ich habe mich seit dem ersten Golfkrieg 1991 mit der religiösen und politischen Situation des Nahen Ostens befasst. Der Kulturkampf zwischen den Welten des Westens und des Ostens, zusammen mit den unseligen kriegerischen Auseinandersetzungen, ist zu einem Menschen und Werte vernichtenden Religionskrieg ausgeartet. Ich habe bewusst versucht, soweit mir dies als Westeuropäer möglich ist, in die Welt der arabischen Glaubens- und Lebenskultur einzudringen.

Wege zum Kulturkampf

Die arabische, islamische Welt, wurde seit Beginn des Ersten Weltkrieges vom Westen gedemütigt und verraten. Das 1916 ratifizierte «Sykes-Picot-Abkommen» zwischen Frankreich, Grossbritannien und der ehemals zum niedergegangenen Osmanischen Reich gehörenden arabischen Staaten war ein blanker Verrat zu Ungunsten der Araber. Frankreich und Grossbritannien sicherten sich grosse Teile des Nahen Ostens als imperialistische Protektorate. Dann kam das Erdöl der arabischen Staaten. Das wirtschaftliche Ungleichgewicht änderte sich zu Gunsten der ölreichen arabischen Staaten. Aus einem unmündigen Partner wurde über Nacht ein ernst zu nehmender Weltwirtschaftsplayer. Der Interessekrieg verlagerte sich zu Gunsten der Ölstaaten im Golf. Zuvorderst Saudi-Arabien, das dank der US-amerikanischen Unterstützung ein mächtiges, aber labiles Königreich ausbauen konnte. Der Irak, der nur einen kurzen Landstreifen am Persischen Golf sein Eigen nannte, okkupierte 1990 Kuwait, um sich den Zugang zum Golf zu sichern. Durch die folgende Internationalisierung des Konfliktes wurde ein Kulturkampf ausgelöst, der bis zum heutigen Tag unbewältigt ist. Aus einem Wirtschaftskrieg wurde ein Religionskrieg.

Kulturkampf

Frau Laila Mirzo bezieht sich auf Aufklärung und Distanz gegenüber dem Propheten Muhammad. Die westliche Welt hat einen riesengrossen Fehler begangen, indem sie versucht hat, von aussen her, im Bewusstsein einer aufgeklärten Gesellschaft, in den Nahen Osten zu gehen, um den arabischen Völkern unser Kulturverständnis aufzuzwingen. Ich kenne inzwischen den Islam gut - aber auch das Christentum. Warum in aller Welt versucht die westliche Weltanschauung in einem kulturell grundverschiedenen Teil unserer Welt, den arabischen Staaten zu erklären, dass der Islam nicht Staat sein darf. Die westlichen Demokratien sind nicht auf Druck vom Osten entstanden, sondern innerhalb eines Prozesses der eigenen Entwicklung. Wieso können wir im Westen annehmen, die arabische Kultur nach unseren Normen zu einer Demokratisierung zu zwingen? Viele innerarabische Bestrebungen geben ein deutliches Zeichen, dass sich ein innerer kultureller Prozess bemerkbar macht. Das bestätigt das Umfeld in Syrien. Die Wirtschaftskriege um das flüssige Gold sind zu Bruderkriegen mutiert. Zwei radikale muslimische Strömungen, Sunniten und Schiiten, sind mit Waffengewalt aufeinander zugegangen. Trotzdem sind demokratische, säkulare Kräfte am Werk, um einer friedlichen Lösung zuzustreben. Der bekannte Soziologe und Philosoph Jürgen Habermas spricht von der Notwendigkeit der säkularen Sprache in Politik und Religion. Liberale Muslime lancierten 2018 eine Initiative zum säkularen Islam. Es tut sich was in Richtung einer Kulturveränderung in den arabischen Staaten. Der Westen kann nicht ultimativ, aus Furcht einer Bedrohung, Vorgaben für eine westlich gefärbte Demokratisierung verlangen. Habermas spricht davon, dass überall, wo der Dialog endet, dessen Platz durch radikale Fundamentalisten ausgefüllt wird. Nicht nur im Osten, sondern auch im Westen ist dieses Phänomen auszumachen.

Der interreligiöse DIALOG

«Im Hause muss beginnen was leuchten soll im Vaterland»** Oder: «Wenn ich zu dir komme, dann integriere ich mich; wenn du zu mir kommst, dann integrierst du dich»! Damit komme ich auf den wesentlichen Unterschied zwischen der Anschauung von Frau Mirzo und mir zu sprechen. Es ist meines Erachtens sehr schwierig, bereits vorhandene Radikalisierungsbestrebungen islamischer Zentren in Westeuropa auf der religiösen Ebene zu bekämpfen. Es ist meines Erachtens die falsche hierarchische Stufe. Wenn wir miteinander in einen interreligiösen Dialog kommen wollen, dann nur von unten, vom Volk her. Die festgefügten unbeweglichen Mauern einer institutionalisierten religiösen Gemeinschaft sind auf ihrer obersten hierarchischen Stufe am stärksten. Es ist jedoch eine Tatsache, dass je institutionalisierter diese Obrigkeit ist, desto mehr zerfällt ihre Kontrolle über die Untergebenen. Betreffend Sicherheit verfügen allein die staatlichen Instrumente der Sicherheitsdienste die Kompetenz, Sicherheitsmassnahmen zu ergreifen. Wenn der Dialog auf der religiösen Ebene der institutionalisierten Glaubenskultur nicht funktioniert, dann muss dieser Dialog auf die unterste Stufe der Gemeinschaften hinuntergebrochen werden. Auf die Ebene der ganz einfachen friedenliebenden Mitmenschen. In Thun gab es eine Intervention eines Leserbriefschreibers gegen eine politische Diskussion, die die Vermutung äusserte, dass sich radikale Islamisten breitmachen würden.

Das war die Initialzündung zum ersten interreligiösen Dialog in Thun mit mir als Vertreter der christlichen Seite und dem Vertreter der islamischen Seite, Imam Azir Aziri. Seit der ersten Begegnung sind nun eineinhalb Jahre vergangen. Gemeinsam konnten wir unsere politischen Behörden überzeugen, dass keinerlei Gefahr von unseren muslimischen Mitbürgern ausgeht. Ein weiterer Schritt zur Integration zweier unterschiedlicher Glaubenskulturen war das Friedensgebet 2018 in Thun. Christen und Muslime beteten nicht miteinander sondern füreinander. Wir haben uns gegenseitig verpflichtet, keine Mission gegen den anderen zu dulden. Es folgten diverse Moscheebesuche, in die unsere Thuner Moslems unsere Christen einluden. Es ist weit besser, wenn ein Moslem dem fragenden Christen erklärt, warum Frauen nicht mit den Männern zusammen beten. Es ist weit authentischer, wenn eine Muslima einer Christin erklärt wieso sie ein Kopftuch trägt. Informationen aus allererster Hand unter Menschen auf gleicher Augenhöhe. Direkte Glaubensfragen wurden während der Gespräche nicht gestellt. Wohl aber Fragen zur aktuellen Lage über die Gefahr, die vom IS ausgeht. Der islamische Kulturverein IKRE in Thun hat sich immer eindeutig gegen den IS und den damit verbundenen Fundamentalismus gestellt. Die Kultur des Dialogs auf gleicher Augenhöhe ist hautnah und nicht in gleicher Art wie öffentliche Auseinandersetzungen unter Experten- und Fachgruppen. Der direkte Kontakt verhindert latente Angst vor dem unbekannten Moslem in unserer Gesellschaft. Das sind Elemente, die ich höher einschätze als ein Krieg der Giganten innerhalb der Institutionen. Das Begegnen und das Diskutieren auf gleicher Augenhöhe von Mensch zu Mensch vermag vorgefasste Meinungen und Vorurteile zu beseitigen. Das Wertvollste an diesem Dialog ist, dass sich auch der Gesprächspartner von seinen Vorurteilen entfernt.

Im Islam schreibt man jetzt das Jahr 1440. Die jüngste unserer monotheistischen Religionen muss sich finden, reagieren, erneuern und den Erfordernissen der Gegenwart anpassen.

Das 15. Jahrhundert: In der alten Eidgenossenschaft wütet der Alte Zürichkrieg. Friedrich V. als Friedrich III., Herzog von Österreich wird erster römisch deutscher König. Der Preussische Bund wird gegen die Willkür des Deutschen Ordens gegründet. Die Kreuzzüge gegen den Islam sind Geschichte. Das 15. Jahrhundert ist die Zeit des Hundertjährigen Krieges. Das abendländische Schisma, das Papsttum von Rom gegen das von Avignon, wird 1410 aufgehoben. 1491 erfolgt die Gründung der Eidgenossenschaft. In Konstanz wird ein Konzil einberufen.

Ich finde diese Rückschau wertvoll. Wir leben unser Leben jetzt und können uns das Vergangene nur vorstellen Ob wir wohl Lehren daraus ziehen werden?

Hans H. Weber,
Delegierter der Pfarrei St. Marien für den interreligiösen DIALOG in Thun.

26. Juli 2019

*Laila Mirzo, 1974 geboren, lebt in Österreich. Als Trainerin für interkulturelle Kompetenz schlägt sie Brücken zwischen den Kulturen und macht als Islamkritikerin auf die Gefahren eines konservativ gelebten Islam aufmerksam. Gastkommentar in der NZZ vom 27.07.2019
**Jeremias Gotthelf

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