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Antijudaismus, der – (Theologie)

Wie bei allen unterdrückenden Ideologien stellt sich beim Antijudaismus die Frage, ob er aus der Theologie selbst motiviert ist, oder ob die antijüdische Theologie nur Vorwand ist, um eine wirtschaftlich oder sozial motivierte Unterdrückung zu legitimieren. Die Antwort lautet wohl: sowohl als auch. Das theologische Argument der «Christusmörder», die den Messias verkannt und verraten hätten, reicht bis in die ersten Jahrhunderte zurück. Ihm zugrunde liegt der frühe Konflikt um die Fortführung des Bundes Gottes mit dem Volk Israel. Die Kirche, so die frühen Christ*innen, habe die Juden und Jüdinnen als erwähltes Volk abgelöst – diese sogenannte «Ersatztheologie» diente auch als Rechtfertigung für die Verfolgung und Vertreibung der Juden und Jüdinnen. Der «Trennung von Gott» gab man Ausdruck in irdischer Stigmatisierung.

Gegenargumente lassen sich zahlreiche finden. Schon Paulus erinnert im Römerbrief daran, dass die Christ*innen keinesfalls ihre jüdische Wurzel leugnen und vergessen dürften – denn dieser Bund sei nie aufgehoben worden. Jesus selbst sah sich zeitlebens als Jude und lebte den jüdischen Glauben. Oft wurde das Judentum in der Theologie als «unfertig» dargestellt – als Prototyp des Christentums, dessen Gesetzesordnung nun mit dem Liebesgebot Jesu die Krönung erfahren habe. Diese fatale Verkennung der Liebe im Alten Testament hat sich lange gehalten – und wird beispielsweise dem jüdischen Konzept der «Zedaqa», dem gerechten Handeln aus Liebe, bei Weitem nicht gerecht.

Die religiöse Ablehnung des Judentums in Europa wurde über Jahrhunderte hinweg zementiert und wucherte hinein ins soziale und gesellschaftliche Leben. Die katholische Theologie muss sich ihrer Verantwortung dafür bewusst sein. Sie wurde missbraucht, um Unterdrückung zu rechtfertigen – und lieferte bereitwillig selbst Gründe, um Juden und Jüdinnen zu diskriminieren. Und die, die stolz auf die sogenannte «abendländische Kultur» sein wollen, sollten sich bewusst sein: Antijudaismus und -semitismus ist ein Teil davon – ein lebendiger.

Sebastian Schafer

«Katholisch kompakt» im Überblick

8. Januar 2020
erstellt von «pfarrblatt» Nr. 2
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