Mit einfachem, rot bemaltem Holz schafft der Architekt Josef Negri eine der Verbindungen zwischen Chor- und Kirchenraum. Foto: Pia Neuenschwander

Architektur im Zeichen einer synodalen Kirche

Die 1970er waren geprägt von einer kirchlichen Aufbruchstimmung, die viele und vieles zu bewegen vermochte. Kurz nach dem Zweiten Vatikanischen Konzil erreichte diese auch die katholische Pfarrei Langenthal.

Autor: Robert Zemp, ehemaliger Kirchgemeindepräsident Langenthal 

Vor 50 Jahren war die treibende Kraft in der Umsetzung der Neuerungen in Langenthal Alois Lingg, der damalige Pfarrer dort. Da die Zahl der Katholik*innen im Umfeld von Langenthal wuchs, entstand schon bald einmal der Wunsch, in Roggwil an der Grenze zum Kanton Luzern eine Kirche zu bauen, die ihnen die Teilnahme am kirchlichen Leben erleichtern sollte.

Mit dem Segen der kirchlichen Obrigkeit konnte in Roggwil ein modernes kirchliches Zentrum entstehen. Diesmal agierte die kirchliche Hierarchie auf Augenhöhe mit den Bittstellern. Rückblickend ist es kaum erstaunlich, dass der damalige Bischof Anton Hänggi und Generalvikar Max Hofer dem Ortspfarrer und dem Architekten Josef Negri sofort grünes Licht gaben für den Bau eines modernen kirchlichen Zentrums in Roggwil. «Wir wurden in Solothurn mit offenen Armen empfangen, denn unser Projekt entsprach genau den Vorstellungen des Bischofs und seines Generalvikars», erinnert sich der heute 87-jährige Architekt Josef Negri gerne zurück. Auch Pfarrer Alois Lingg sah sich mit seinem zukunftsweisenden Vorhaben von der Bistumsleitung bestätigt. Im November 1971 genehmigte die Kirchgemeindeversammlung den Bau des Kirchlichen Zentrums Roggwil. Josef Negri, damals als selbständiger Architekt noch nicht lange im Oberaargau tätig, hatte klare Vorstellungen, wie die Idee des neuen Kirchenbaus realisiert werden sollte.

Kirche als Ort der Gemeinschaft

Geschult beim bekannten Solothurner Architekten Max Vogt und vertraut mit der Architektur der «Tessiner Schule» war für Josef Negri Architektur immer auch ein kultureller Auftrag. Architektur im öffentlichen Raum sollte dem Menschen und seinen Bedürfnissen dienen. Das bedeutete ein Raumprogramm, das die Ansprüche einer nachkonziliaren Kirche einlösen konnte. Pfarrer Alois Lingg hatte klare Vorstellungen, welche Aufgabe die neue Kirche zu erfüllen hatte: «Wir wollen nicht eine repräsentative Kirche hinstellen, sondern einen Ort der Begegnung schaffen. Dieses Haus der Begegnung soll uns zu einer Gemeinschaft zusammenführen. Die Erfahrung lehrt, dass Gottesdienst und Religionsunterricht allein noch nicht Gemeinschaft schaffen.» Pfarrer und Architekt waren sich einig: Gebaut wird ein Kirchliches Zentrum der Begegnung. 

Konsequente Architektur

Folgerichtig wurde ein Kirchliches Zentrum mit einer Mehrfachnutzung geplant und gebaut. Der transparente Eingangsbereich weist zu den einzelnen Räumen im Erd- und Untergeschoss und auch zum Raum der Kirche, der sich mit mobilen Wänden problemlos unterteilen, verkleinern oder vergrössern lässt, je nach Anlass und Bedarf. Das polyvalente Raumkonzept des Architekten zeigt sich bis in die Einzelheiten als konsequent gestaltet. So übernimmt zum Beispiel die Ausgestaltung des Chors zeichenhaft Elemente des erweiterten Kirchenraumes auf. Der Altar besteht in einem einfachen roten Tisch aus Holz. Von vergleichbarer Machart und Konsequenz mit derselben roten Farbe gearbeitet sind die Stühle, die anstelle fixierter Kirchenbänke den Gottesdienstbesuchern als Sitzgelegenheit dienen. Die Menschen befinden sich auf Augenhöhe mit den Seelsorgenden am Altartisch, das Raumkonzept vermittelt und ermöglicht eine unmittelbare Nähe zum sakralen Geschehen. Nur die Lichtführung oder eben gerade sie erhellt und betont den sakralen Bereich im eher zurückhaltend ausgestatteten Chorraum.

Entspricht das 1971 konzipierte Kirchliche Zentrum Roggwil den Bedürfnissen der Angehörigen der Pfarrei Langenthal?

Pfarrer Alois Lingg*, 1971: «Wir wollen für die ca. 800 Katholiken von Roggwil, Wynau und Melchnau nicht eine repräsentative Kirche hinstellen, sondern einen Ort der Begegnung schaffen. Hier wollen wir den sonntäglichen Gottesdienst feiern und Gelegenheit zur religiösen Unterweisung haben. Dieses Haus der Begegnung soll uns zu einer Gemeinschaft zusammenführen. Die Erfahrung lehrt, dass Gottesdienst und Religionsunterricht allein noch nicht Gemeinschaft schaffen. Wir haben Ausspracherunden, Arbeitskreise und gesellschaftliche Anlässe nötig, die uns Lebenshilfe bieten und Kontakte anbahnen. Die Jugend muss in diesem Haus Gelegenheit finden, ihre Freizeit sinnvoll zu verbringen. Auch unsere Gastarbeiter sollen hier ein Heim finden. Sie werden mit uns die verschiedenen Räume benützen. Auf ihren Wunsch hin stehen ihnen auch Räume für ein Asilo zur Verfügung. Nun darf nicht die Meinung entstehen, wir Katholiken wollten dieses Haus nur für uns bauen und benützen. Es soll wie das Kirchgemeindehaus Langenthal als Haus der Begegnung allen offen stehen. Und dem Wohl der Menschen im Raum Roggwil/Wynau/Melchnau dienen.»

(Aus: Botschaft an die römisch-katholische Kirchgemeinde Langenthal zuhanden der Kirchgemeindeversammlung vom 20. Dezember 1971 über die Erstellung kirchlicher Bauten in Roggwil für die katholische Bevölkerung von Roggwil/Wynau/Melchnau)


* Pfarrer Alois Lingg wurde am 7. August 1926 in Altbüron LU geboren und am 29. Juni 1951 zum Priester geweiht. Danach war er bis 1962 Vikar in der Pfarrei St. Antonius in Bern Bümpliz. Von 1962 bis 1994 wirkte Alois Lingg über 30 Jahre als Pfarrer und allseits geschätzter Seelsorger in der Pfarrei Langenthal. In dieser Zeit entstand das kirchliche Zentrum Roggwil, das er zusammen mit dem Architekten Josef Negri konzipiert und gebaut hat. Den Ruhestand verbrachte Pfarrer Alois Lingg im kirchgemeindeeigenen Wohnhaus neben «seiner» Kirche in Roggwil. Am 19. März 2016 starb Alois Lingg und wurde im Priestergrab auf dem Friedhof St. Urban bestattet.

Anna Sacheli, Katholikin aus Roggwil, 2021: «1964 kam ich mit meiner Familie als Kind nach Roggwil. Für uns Italiener*innen wurde dieses Zentrum zu einer zweiten Heimat. Dies war vor allem möglich, weil der Architekt und der damalige Pfarrer sich dafür einsetzten, dass ein offenes und für die vielen Bedürfnisse und Aktivitäten zweckdienliches Haus gebaut wurde. Also nicht nur eine Kirche, sondern ein Zentrum für alle. Für mich war und ist dieser Bau mit den vielen räumlichen Nutzungsmöglichkeiten die beste Lösung den vielen verschiedenen Bedürfnissen nach gemeinsamen Aktivitäten entgegenzukommen oder sie erst zu ermöglichen. Der grosse Saal fasst bis zu 250 Personen. Dank der mobilen Wände sind wir sehr flexibel. Viele Räume haben einen separaten Zugang, was die Flexibilität noch erhöht. Kinder und Jugendliche finden ihren Platz in eigenen Räumen; Unterrichtszimmer, Sitzungszimmer, ein Jugendraum und vieles mehr bietet dieses kirchliche Zentrum, das schon immer ein Treffpunkt war für jung und alt war. Legendär sind zum Beispiel die jährlichen Weihnachtsfeiern mit dem traditionellen Krippenspiel. Dass dieses Haus auch anderen Konfessionen und Kulturen offensteht ist selbstverständlich. So haben wir lange eine ökumenische Spielgruppe geführt, der Frauenkreis hat hier Gastrecht, auch wird das Zentrum von Tamil*innen besucht, vor allem die Kirche. Als ehemalige Hauswartin des Kirchlichen Zentrums Roggwil mit langjähriger Erfahrung bin ich heute nach wie vor überzeugt, dass ein Zentrum dieser Art, wie es in Roggwil seit bald 50 Jahren besteht, heute und in Zukunft für das Gemeinschaftsleben die beste Lösung ist.»

Odo Camponovo, Präsident der Diözesanen Bau- und Kunstkommission des Bistums Basel, seit 1. 11.2020 Leiter des Pastoralraums Oberaargau ad interim, 2021: «Ein Kirchliches Zentrum, wie es vor 50 Jahren konzipiert wurde, kommt sicher auch heute noch dem Bedürfnis nach dem Gemeinschaftsleben einer Pfarrei entgegen. Ich stelle jedoch fest, dass heute Menschen wieder vermehrt Kirchenräume aufsuchen, die einen betont sakralen Charakter haben. Dennoch bleibt ein Kirchliches Zentrum gerade in der Diaspora ein wichtiger Ort der Begegnung, nicht zuletzt für Zuzüger aus den katholischen Gebieten.»

Josef Negri*, 87, Architekt des Kirchlichen Zentrums Roggwil, 2021: «Ich bin heute noch davon überzeugt, dass der damalige Entscheid, diese Kirche zu bauen, richtig war und wir richtig gehandelt haben. Heute müsste man diese Kirche wieder genauso bauen, wie sie 1971 gedacht war. Das Konzept dieses Kirchentyps ist für mich immer noch sehr überzeugend. Es bietet für alle etwas, von Kleinkindern bis zu Senior*innen. Jede Form von Veranstaltung ist möglich. Nur ein polyvalent nutzbares Kirchenzentrum hat heute Zukunft. Neben dem Sakralen ist das Gefühl von Gemeinschaft und Zugehörigkeit für alle entscheidend wichtig, gerade heute, wo man vermehrt wieder nach einem generationenübergreifenden Miteinander sucht. Für dieses elementare Bedürfnis schafft ein kirchliches Zentrum, wie wir es in Roggwil kennen, die besten Voraussetzungen. Eine alleinstehende Kirche mit einem Kirchgemeindehaus in der näheren oder weiteren Umgebung kann diese Aufgabe kaum erfüllen. Hingegen eröffnet unser polyvalentes Raumkonzept eine Vielfalt von Nutzungsmöglichkeiten. Es soll auch nicht zuletzt einer erweiterten Öffentlichkeit dienen können. Viele Gemeinden wären heute froh darum. Das polyvalente Kirchliche Zentrum Roggwil ist und bleibt auch in Zukunft ein wichtiger Ort der Begegnung.»


* Josef Negri wurde 1934 in Wangen bei Olten geboren. Nach seiner Ausbildung als Bauzeichner und Architekt arbeitete er beim bekannten Solothurner Architekten Max Vogt. Mit der sogenannten «Tessiner Schule» kam er in der Westschweiz in Kontakt, als er an der Konzeption der Bauten für die Expo ‘64 in Lausanne mitwirkte. Zurück in der Deutschschweiz, errichtete Josef Negri sein Architekturbüro vor gut 50 Jahren in Langenthal und widmete sich dabei auch dem Bau von Kirchenzentren. Nebst dem multifunktionalen Kirchenzentrum Roggwil (1973) erbaute er Kirchenzentren in Sumiswald (1973), Niederbipp (1975), Huttwil (1983) und Meisterschwanden (1976), baute die katholischen Kirchen in Zofingen, Trimbach und Langenthal um und renovierte die reformierten Kirchen in Wynau und Rohrbach. Den hohen Qualitätsansprüchen der «Solothurner und Tessiner Schule» sieht sich Josef Negri bis heute verpflichtet.

Foto: Pia Neuenschwander

Raumprogramm, Baubeschreibung und historische Fotos des Kirchlichen Zentrums Roggwil

9. Februar 2021
erstellt von «pfarrblatt»
  • Pfarrblatt / Angelus