Schlosserlehrlinge in einer Don-Bosco-Ausbildungsstätte in Kakuma, Kenia. Foto: Keystone

Armutsforschung wird nobelpreiswürdig

Der diesjährige Wirtschaftsnobelpreis geht an drei Armutsforscher*innen.


von Rudolf Strahm*


Am 10. Dezember
haben drei Ökonomen, die etwas aus der Reihe fallen, in Stockholm den Wirtschafts-Nobelpreis entgegennehmen dürfen. Für einmal sind es nicht Finanzmechaniker, die neue Spekulations- oder Finanzanlagemodelle erfunden haben. Es sind auch keine Erfinder von abstrakten ökonometrischen Prognosemodellen, die niemand versteht.

Nein, diesmal wurden zwei Wirtschaftsforscher und eine Forscherin mit dem begehrten Nobelpreis geehrt, die sich mit Armut und Armutsursachen befassen. Armutsbekämpfung gehört sonst nicht gerade zu den attraktiven Forschungsfeldern an den Top-Universitäten. Prestigemässig attraktiver und lukrativer ist die Wirtschaftsforschung zu Banken, Finanzmärkten, Innovationen oder zur digitalen Revolution.

Das Dreierteam der Nobelgeehrten besteht aus der Professorin Esther Duflo vom renommierten Massachusetts Institute of Technology MIT, dem Wirtschaftsprofessor Michael Kremer von der Harvard-Universität und dem Forscher Abhijit Banerjee von einer Londoner Forschungsinstitution. Sie hatten nach den Ursachen der Armut geforscht und aufgrund von Feldexperimenten wirksame Strategien gegen Armut vorgeschlagen.

Aufgrund von Experimenten fanden die Forscher heraus, dass praxisorientierte Bildung und Ausbildung sich auszahlen, dass schwächere Schüler*innen zusätzlichen Stützunterricht benötigen, dass Hungerbekämpfung mit dem Zugang der Kleinbauern zu Krediten beginnt, statt mit agroindustriellen Grossfarmen. Um die Erfolge der Fördermassnahmen zu messen, verglichen sie Gruppen, die mit, und solche, die ohne Unterstützungsinstrumente arbeiten mussten. Mit derartigen experimentellen Vergleichsmethoden haben sie die ganze Armutsforschung praktischer, pragmatischer, lebensweltlicher ausgerichtet. Man spricht von einer «empirischen Revolution».

Als alter «Tiers-Mondiste», als Dritte-Welt-Engagierter der frühen entwicklungspolitischen Startjahre, kommt man indes angesichts solcher nobelpreisgeehrter Forschungsauszeichnung ein bisschen ins Frotzeln. Man gerät in Versuchung, zynisch auszurufen: Endlich, endlich, habt auch Ihr’s geschnallt, Ihr lieben Amerikaner*innen!

Die nobelpatentierte Erkenntnis, dass praxisbezogener Unterricht wirksamer ist als die Förderung mittels schulische Wissenspaukerei, kann jede erfahrene Lehrperson, die bei Unterschichten und Armen ausgebildet hat, längst bestätigen. Oder dass praxisorientierte Berufsbildungsprojekte mehr zur Armutsprävention beitragen als Theorieschulen, weiss jede/r erfahrene Missionar*in und jede/r Entwicklungshelfer*in der alten Schule aus Lebenserfahrung. Die Praxiserfahrung der alten Entwicklungshilfe, die die Hilfe an den lebensweltlichen, existenziellen Grundbedürfnissen der einheimischen Bevölkerung anknüpft, kommt durch die Nobel-Hintertür wieder zum Tragen und wird jetzt hoffähig. Endlich erhält die praktische Intelligenz wieder ihren verdienten hohen Stellenwert. Das ist der Vorteil dieser Nobelpreis-Verleihung. Aber warum kommt das alles erst jetzt?

Zur Erklärung muss man ein Licht auf den Wirtschafts-Nobelpreis werfen. Der Preis wird nicht, wie etwa die traditionellen Nobelpreise für Medizin, Chemie, Physik, Literatur und Frieden, vom königlichen Nobelpreiskomitee verliehen, sondern von der schwedischen Reichsbank veranlasst. Die Nomination der Kandidat*innen wird durch bisherige Nobelpreisträger*innen vorgenommen, und dies sind meistens Amerikaner*innen. Und Amerikaner*innen verstehen und wählen Amerikaner*innen. Und in den USA gelten ein paar wenige Top-Universitäten wie das MIT, Harvard, Princeton, Berkeley als absolute Meinungsführer. Erst, wenn amerikanische Wirtschaftsprofessor*innen in einem englischen Wissenschafts-Journal ein Thema hoffähig machen, wird es von der Wissenschaftsgemeinde – und leider auch von den staatlichen Entwicklungsagenturen – wertgeschätzt.

Das ist die Macht der Nobelpreise in der Wirtschaftswissenschaft: Wenn ein Thema den politischen Segen der akademischen Elite der USA gefunden hat, dann darf man darüber reden. Manche Lehrer*in, manche/r frühere Missionar*in oder Entwicklungshelfer*in kann sich beim diesjährigen Nobelpreis schmunzelnd bestätigt fühlen. Und all die abgehobenen Deza-Büromenschen mit hohen akademischen Titeln dürfen jetzt nach der Nobelpreisverleihung auch über jene praktischen Dinge reden, die sie bisher ausgeblendet hatten.

 

* Rudolf Strahm, 76, ist Ökonom und Chemiker. Er war Nationalrat und eidgenössischer Preisüberwacher. In jüngeren Jahren arbeitete er für die Arbeitsgruppe Dritte Welt, für Brot für Brüder (heute Brot für alle), für die Unctad, die Erklärung von Bern (heute Public Eye) und für Programme in Afrika und Asien.

 

 

11. Dezember 2019
erstellt von «pfarrblatt» Nr. 26
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