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Auf das Leise hören

Im Anfang ist das Ohr. Schon sehr früh entwickelt sich beim menschlichen Embryo das Gehör. Lange bevor wir das Licht der Welt erblicken, nehmen wir hörend Kontakt auf: mit dem Herzschlag der Mutter, mit ihrer Stimme, mit den Geräuschen der Welt. Von Anfang an leben wir von dem, was uns zugesagt wird: Dass wir willkommen sind, erwartet, geliebt. Wenn Menschen gute Worte versagt werden, wird ihre Entfaltung gehemmt. Sie fühlen sich als Versager und sind verletzt.

Wir Menschen sind auf den Dialog angewiesen. Das Embryo, das die Stimme der Mutter hört, beginnt, sich zu regen. Die Bibel erzählt, dass sich Johannes der Täufer schon im Leib seiner Mutter freudig bewegt hat, als diese den Gruss Marias hörte. Gut hören können wir dann, wenn wir selbst still werden. Solange wir noch im eigenen Inneren von vielen Stimmen und Lärm besetzt sind, hören wir nur mit halbem Ohr zu. Wir sind erst dann ganz Ohr, wenn sich in unserem Inneren ein Raum der Stille öffnet, in dem die Stimme eines anderen ankommen kann.

Das gilt auch für unser Hören auf Gottes Wort. Zunächst muss der Mensch achtsam werden für alles Zarte, Behutsame und Filigrane, denn «Gott ist der Leiseste von allen» (Rainer Maria Rilke). Gott lärmt nicht und dröhnt uns nicht zu. Zum Propheten Elija spricht Gott erst, nachdem dieser gelernt hat, auf das sanfte Säuseln des Windes zu lauschen. Wenn wir dem Leisen in uns selbst Gehör schenken, kann uns Gott darin etwas sagen.

Im Advent begegnen wir Maria als der Frau, die eine besondere Begabung des Hörens hatte. Viele Darstellungen der Verkündigung zeigen Maria, die betet oder in der Heiligen Schrift liest. Hier wird bildhaft gezeigt, dass es Aufmerksamkeit und Stille braucht, damit das Wort Gottes ankommen kann. Wir brauchen Stille und Achtsamkeit, damit wir die leisen Zwischentöne hören, in denen uns Gott im Alltag ansprechen will. Der Advent lädt ein, uns dafür Zeiten und Räume zu gönnen.

 

 

 

Andreas Knapp
… gehört der Ordensgemeinschaft «Kleine Brüder vom Evangelium» an. In Leipzig engagiert er sich in der Flüchtlingsarbeit und Gefängnisseelsorge.
Illustration: schlorian

 

 

 

«Wir nehmen uns die Zeit» im Überblick

27. November 2019
erstellt von «pfarrblatt» Nr. 25
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