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Auf dem Weg durch die Passion

Abbé Christian Schaller hat für die Osterzeit Gottfried Locher, Präsident des Rates des Schweizerischen Evangelischen Kirchenbundes (SEK), eingeladen, um in der Berner Dreifaltigkeitskirche zu predigen. Vor diesem Hintergrund formuliert Christan Schaller hier seine Gedanken zu Ostern.

Von Abbé Christian Schaller*

«Wir meiden uns und gehen uns aus dem Weg. Aber wenn wir uns nur ein wenig kennen würden, dann würden wir Hand in Hand gehen.» Mit diesen deutlichen Worten beschreibt der erste katholische Pfarrer der Stadt Bern nach der Reformation, P. Grégoire Girard, in seinem Tagebuch im Jahre 1803 die Beziehungen zwischen Reformierten und Katholiken.
Das Mitwirken von Gottfried Locher an den Liturgien der Karwoche und Ostern in der Dreifaltigkeitsbasilika in Bern verdanken wir den vielen Schritten, die in den letzten Jahrzehnten auf ökumenischer Ebene gemacht wurden. Dieses gemeinsame Unterwegssein vergleiche ich gerne mit dem Weg, den zwei Jünger Jesu Richtung Emmaus zurücklegten. Mit der Beschreibung dieser Szene drückt der Evangelist Lukas den Kern seines Glaubens aus und fasst in wenigen Zeilen seine ganze Frohe Botschaft zusammen.

Orientierungslos
Die beiden Jünger verlassen Jerusalem. Dort hatten sie miterlebt, wie Jesus auf schrecklichste Weise umgebracht wurde. In ihn hatten sie ihr Vertrauen gesetzt. Er war für sie der Messias. Nun ist alles vorbei. Jerusalem, die Stadt des Friedens, an der sich alle orientierten, hat für sie nichts mehr zu bieten. Was die Frauen über das Grab Jesu erzählten, macht sie fassungslos. Ihr Herz ist leer, genauso wie das Grab. Sie kehren dieser Stadt den Rücken. Sie laufen davon.

Einer, der mitgeht
Und da kommt einer, der mit ihnen in dieselbe Richtung geht. Er kommt mit ihnen ins Gespräch. Er lässt sich von ihrer Traurigkeit berühren. Er nimmt Anteil an ihren Sorgen und ihrer Fassungslosigkeit. Dieses Mitgehen wird zu einer Begegnung. Die Ereignisse werden im Lichte des Wortes Gottes eingeordnet. Die Augen bleiben verschlossen, aber das Herz weitet sich. Schritt für Schritt wird dieser Fremde zu einem Weggefährten. Die Sonne geht langsam unter und es wird Abend, aber das Bedürfnis, noch ein bisschen miteinander zu verweilen, wird grösser. «Bleibe mit uns», heisst es.

Vom Wandern zur Wandlung
Beim Brotbrechen werden sie verwandelt. Die blinden Augen erkennen Jesus. Die Traurigkeit wird zur Freude. Die innerliche Leere wird mit Enthusiasmus gefüllt. Sie wollen nicht mehr davonlaufen. Sie wollen umkehren. Das Bedürfnis nach Jerusalem zurückzukehren, ist stärker als ihre Müdigkeit. Sie sind an einem Punkt angekommen, an dem es für sie nicht mehr möglich ist, sich von den anderen Jüngern fernzuhalten. Ihre Ratlosigkeit über den Tod Jesu wird zum Zeugnis ihrer Erfahrungen mit dem Auferstandenen.

Zeit der Gnade
Heute haben wir eine prominente reformierte Persönlichkeit zu Gast. Gottfried Locher geht mit uns durch die Passionszeit und gemeinsam wollen wir Ostern feiern. Es ist das Fest aller Feste. An Ostern geht es nicht um Ostereier, auch nicht um schöne Musik aus der Barockzeit, sondern um den Kern unserer Heilsgeschichte. Es ist die Zeit der Gnade Gottes für gestern, heute und morgen. Wenn zwei Theologen, katholisch und reformiert, unterwegs sind, was können sie wohl miteinander reden? Bestimmt gehen unsere Gedanken in diesem Reformationsjahr um die 500 Jahre Spaltung.

P. Girard schrieb in seinen Erinnerungen vor zweihundert Jahren, dass er befürchtet, dass wir uns an diese Trennung gewöhnen werden. Diese Spaltung ist das Werk der Menschen und ist von Gott nicht gewollt. Im Namen dieser Trennung haben wir uns viel Leid und Schmerz angetan. Heute gehen wir miteinander durch die Passionszeit. Wir beten um Heilung. Wir beten um Vergebung. Wir hoffen auch, dass einer mit uns geht und dass er uns mit Hilfe der Heiligen Schrift offenbart, wer er ist. Unsere Herzen sollen sich für seine Liebe ausbreiten.

Gerne möchte ich mit Gottfried Locher bitten, Jesus möge noch bei uns bleiben. Unsere Sehnsucht ist sehr gross, am selben Tisch dasselbe Brot zu teilen. Auch wenn wir diese tiefe Sehnsucht heute noch nicht erfüllen können, so dürfen wir vertrauen, dass Jesus Christus uns verwandelt. Unsere Augen können sich öffnen für das Wesentliche. Wir dürfen unsere vielfältigen Glaubensschätze teilen. Wir wollen feiern, was uns eint. Miteinander wollen wir bezeugen, was wir mit dem Auferstandenen erlebt haben und immer noch erleben. Unser Unterwegssein soll sich von einem Nebeneinander zu einem Miteinander wandeln. Unser gemeinsames Tun soll glaubwürdiger werden. Für mich bedeute dies, dass wir uns vermehrt um die Menschen kümmern sollen, die uns anvertraut werden, als um den Erhalt von Strukturen, die uns nur den Schein einer Selbstsicherheit schenken. Es soll Ostern werden!

*Abbé Christian Schaller ist Pfarrer der Dreifaltigkeitspfarrei Bern und der Paroisse catholique de langue française de Berne

Pfarrei Dreifaltigkeit

12. April 2017
erstellt von «pfarrblatt»
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