Elisabeth, Martha und Beatrice Artho mit den Schwestern der Nuntiatur im Tierpark Dählhölzli. Bild: Privatarchiv Elisabeth Artho

Aufgewachsen in «Katholisch Bern»

Martha Beéry, geboren 1941, nimmt kein Blatt vor den Mund, sie lässt nicht locker - auch wenn sie als leise und zurückhaltende Person beschrieben wird. Die vielseitige Frau ist aus der Ostschweizer Frauenszene nicht wegzudenken. Unter anderem engagierte sie sich in der Caritas-Flüchtlingshilfe, war in der Erwachsenenbildung tätig und als Ersatzrichterin am Bezirksgericht Rohrschach. Sie setzte sich für geschlechtergerechte Sprache im Duden ein, gewann einen Preis beim Dramatiker-Wettbewerb der Zeitschrift «Musik & Theater». Mehrmals sollte ihr die Journalistin und Buchautorin Jolanda Spirig begegnen, bis beide durch die Interessengemeinschaft «Frau und Museum» endlich ins (private) Gespräch kamen.

Aus diesem Austausch entsteht Jolanda Spirigs Buch «Hinter dem Ladentisch». Gestützt auf detaillierte Erinnerungen und Tagebuchaufzeichnungen kristallisiert sich heraus, wie Martha Beéry-Artho vom beobachtenden und hinterfragenden Nachkriegskind zur Feministin wird. Der harte Alltag im Kolonialwarenladen ihrer Mutter repräsentiert eine ganz andere Welt als die Vatikanische Botschaft in Bern, in welcher Marthas Vater als Chauffeur und Gärtner arbeitet. Dort ist es vor allem das selbstgefällige Obrigkeitsdenken, das dem Mädchen schon sehr zeitig negativ auffällt. Mit dem duldenden und ewig dienenden Frauenbild von Kirche und Staat will sie sich zunehmend nicht mehr abfinden.

Viele anrührende Details lassen das Familienleben der Arthos lebendig werden, das «Katholisch Bern» der Nachkriegszeit wird ebenfalls um eine persönliche Facette reicher. Diese deutet allerdings auch an, dass es nicht erst jetzt Not tut, Missstände in der katholischen Kirche aufzuzeigen.

Ein Zeitzeugnis, dessen Schauplätze auch heutigen Berner*innen vertraut sind.

Andrea Huwyler






S
pirig, Jolanda: Hinter dem Ladentisch.
Zürich, Chronos Verlag, 2020. 173 S.



 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

11. März 2020
erstellt von «pfarrblatt» online
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