Trauernde vermissen tröstende Umarmungen besonders schmerzlich. Symbolbild: Des Green, iStock

Beerdigungen in Pandemiezeiten

Keine tröstenden Berührungen und Umarmungen, mit denen man Mitgefühl und Nähe ausdrücken kann. Zudem finden Abdankungen vermehrt im engsten Familienkreis statt – Corona verändert das Abschiednehmen und Trauern.

Von Marcel Friedli

Eine Berührung oder eine Umarmung wirkt stärker als tausendunddrei Worte. Sie tröstet und fängt auf – besonders in Momenten, in denen man ins Bodenlose zu fallen droht: Wenn jemand stirbt, der einem so nahe war. Diese körperliche Nähe ist zurzeit wegen Corona tabu – Trauernde vermissen sie besonders schmerzlich.

In der Realität sieht es jedoch leicht anders aus: Da sind zwar Regeln – aber nicht immer hält man sich daran, wie Matthias Neufeld vom Pastoralraum Seeland beobachtet: «Die aktuellen Massnahmen», sagt der leitende Priester, «können zwar manches verbieten, aber nicht alles verhindern. Natürlich kommt es bei Abdankungen immer wieder zu menschlichen Reaktionen, die Mitgefühl ausdrücken und Trost spenden. Das ist nur allzu verständlich.»

 

 

Menschliche Gefühlsregungen lassen sich auch durch Coronamassnahmen nicht kontrollieren. Matthias Neufeld. Foto: zVg

 

 

 

 

Dieses Verständnis schwingt auch mit in den Worten von Patre Antonio Grasso von der katholischen Mission Bern. «Bei Beerdigungen die Distanzregeln durchzusetzen, das ist schwierig», sagt er. «In unserer Kultur wird Anteilnehmen am Schmerz auch körperlich ausgedrückt: durch einen Händedruck, eine Umarmung oder einen Kuss. Zwar haben viele Menschen Abstand gehalten. Aber es war sehr schwierig, Gefühle und Emotionen zurückzuhalten. Das ist nicht jedem gelungen.»

 

 

Urnen werden mit nach Italien genommen. Antonio Grasso. Foto: Pia Neuenschwander

 

 

 

 

 

Seit sich in Kirchen wieder bis zu fünfzig Personen versammeln dürfen, wird diese Möglichkeit genutzt – sowohl in den Pastoralräumen als auch bei den anderssprachigen Gemeinschaften: Abdankungen finden zwar vermehrt im engsten Familienkreis statt – aber auch wieder öffentlich. Die Feier in der Kirche bietet praktische Vorteile: Das Wetter spielt keine Rolle. Es gibt genug Sitzplätze. Man kann mit Mikrophon sprechen, Musik live oder ab Tonträger spielen.

Wichtige Abschiedsrituale

Doch auch Rituale auf dem Friedhof sind kraftvoll: der verstorbenen Person gedenken, persönlich Abschied nehmen, Weihwasser, ein Segensgebet. «All dies sind starke Zeichen. Mit ihnen führt das Ritual nicht am Leid vorbei. Es führt durch das Leiden hindurch», sagt Matthias Neufeld.

Findet die Beisetzung – was durch die Pandemie verstärkt wird – ausschliesslich im kleinen Kreis statt, geht manchmal etwas vergessen: dass auch Menschen über diesen Kreis hinaus das Bedürfnis haben, sich von der verstorbenen Person zu verabschieden (siehe Kasten unten).

«Dann kann man die Urne zum Beispiel in der Kirche aufbahren, wo die Menschen Abschied nehmen können», sagt Matthias Neufeld. »Oder die weiteren Verwandten, Freundinnen und Arbeitskollegen zünden zu Hause eine Kerze an, vielleicht zeitgleich zum Abschiedsritual.» Und last but not least: «Man nimmt das Gebet für die Verstorbenen in die öffentlichen Gottesdienste mit.»

Während des Lockdowns haben die Priester der italienischsprachigen Mission im kleinen Kreis der Familie der Verstorbenen die Messe gefeiert. «Die Menschen kamen auch spontan in die Missione, um in Stille zu beten und eine Kerze anzuzünden.»

Urnentransport

Oft wollen Migrant*innen der ersten Generation in ihrer Heimat beerdigt werden. «Dieser Wunsch kann nun erfüllt werden, denn die Situation verbessert sich», sagt Antonio Grasso. «Urnen oder der Leichnam können transportiert werden, trotz aller bürokratischen Hürden. Je nach italienischer Region ist man bei der Rückkehr aber verpflichtet, sich in Quarantäne zu begeben.» Wegen der Arbeit sei dies nicht allen möglich. «Sie haben vor, die Urnen falls möglich im Sommer nach Italien zu bringen, wenn sie nach Hause in den Urlaub fahren.»

Auch bei den italienischen Katholik*innen der Region Bern ist man froh, dass wieder fünfzig Personen bei Abdankungen zugelassen sind. «Ist der Verstorbene besonders bekannt, ist es für die Verwandten nicht einfach zu entscheiden, wer teilnehmen darf», sagt Antonio Grasso. «Aber etliche vermeiden Treffen mit vielen Personen ohnehin.»

 


Trauern in Gemeinschaft
Die eingeschränkte Zahl an Teilnehmer*innen, das Distanzgebot, die Masken: Das verändert das Ritual des Abschiednehmens – aber nicht nur: «Das macht es noch trauriger», sagt der Theologe Thomas Klie, der moderne Formen des Abschiednehmens erforscht, in einem Interview mit der deutschen Wochenzeitung Die Zeit. «Man darf nicht unterschätzen, wie wichtig Gemeinschaft beim Beerdigen ist: Man vergewissert sich der Bedeutung des Verstorbenen. Man sagt, was er für einen war. Beim Kaffee kommen dann die ersten Witze. Es ist eine Wiedervergemeinschaftung: Der Verstorbene wurde aus dem Kreis der Lebenden gerissen. Nun schliessen sich die Überlebenden zusammen.»

Dem Trauern in Gemeinschaft kommt eine grosse Bedeutung zu, wie Theologe Thomas Klie betont: «Wenn ich nicht nur still in mich hinein trauere, sondern in Gesellschaft, wenn ich umarmt werde oder anderen die Hand schüttle: Dann kann sich die Trauer lösen.»

Der deutsche evangelische Theologe sieht einen Trend zur Privatisierung und Intimisierung von Beerdigungen (siehe oben): «Die sehr privaten Trauerfeiern, bei denen auf Öffentlichkeit verzichtet wird, sind ein Akt der Beraubung: Ich verweigere als organisierender Angehöriger anderen die Möglichkeit des Abschiedsnehmens.»


Buchtipp:
Thomas Klie: Der Glanz des Lebens. Aschediamant und Erinnerungskörper.

 

 

 

5. Mai 2021
erstellt von «pfarrblatt»
  • Pfarrblatt / Angelus
  • Spirituelles
  • Soziales