«Ich habe grossen Respekt vor diesem Schritt, der jetzt folgt» – nach 14 Jahren als Gemeindeleiterin der Pfarrei St. Mauritius Frutigen geht «Frau Antonie», wie sie hier oben von allen genannt wird, in Pension. Bild: Pia Neuenschwander

«Ein Privileg, hier Seelsorgerin sein zu dürfen» Frau Antonie. Foto: Pia Neuenschwander

Begegnung im Paradiesgärtlein zu Frutigen

Am Guthirt-Sonntag 2004 wurde sie als Gemeindeleiterin installiert, am Dank,-Buss,- und Bettag 2017 geht sie in Pension. Antonie Aebersold-Staengl – Frau Antonie, wie sie in der Pfarrei genannt wird – lässt im Paradiesgärtlein fast 14 Jahre Gemeindeleitung Revue passieren.

Öffnet sie am Morgen die Tür des Pfarrhauses, begrüssen sie Rosen, blühender Sonnenhut, Malven, Lavendel. «Es kommt mir so vor, als wollten sie mir mit ihren Farben und Düften sagen: Wir sind da, Gottes wunderbare Schöpfung», schwärmt Antonie Aebersold.
Sie steht mitten im Pfarrgarten des Pfarrhauses, dem Ort, den sie gewählt hat, um das Abschiedsinterview zu führen. «Ich empfand es immer als Privileg, hier Seelsorgerin sein zu dürfen», sagt sie, «und in all der Zeit waren mir der Garten und das Kirchlein echte Kraftquellen. Fast immer habe ich, bevor ich an meine Arbeit ging, den Tag in der Stille der Kirche begonnen. Diesen Ort der Stille, werde ich sehr vermissen.»

Etwas Wehmut ist zu spüren. Sie geht auf die Terrasse und setzt sich auf die Schaukel. «Hier habe ich glückliche und traurige Erfahrungen ‹La usplampe›, das half auf den Kern zurückzukommen.» Was ist für Antonie Aebersold der Kern? Sie antwortet mit einem Gleichnis Jesu: «Mit dem Reich Gottes ist es so, wie wenn ein Mensch Samen auf seinen Acker sät; dann schläft er und steht wieder auf, es wird Nacht und es wird Tag, der Samen keimt und wächst, und der Mensch weiss nicht wie. Dieses Gleichnis liebe ich: schlicht und getreu seine Arbeit tun und vertrauen, dass die Saat aufgeht.»

Antonie Aebersold wird in der Pfarrei Frau Antonie genannt, warum? «Ich habe mir das so gewünscht», lacht sie, «als ich von Thun nach Frutigen kam. Es hat mit meinem Namenspatron Antonius von Padua zu tun. Sein Wirken für Brot und Bildung ist eine Lebenshaltung, die mir entspricht. Nämlich, dass wir füreinander wie Brot sein können, uns gegenseitig in der persönlichen Entwicklung weiterbringen und dabei Gottes Nähe spüren.»

Ist Brot und Bildung gelungen, in den Jahren Gemeindeleitung als erste Frau der Pfarrei Frutigen mit ihren Aussenstationen Kandersteg und Adelboden? Frau Antonie wird nachdenklich: «Es ist schwierig, aus all den Anlässen und Begegnungen in der Katechese, bei Bildungsanlässen, Reisen, Gottesdiensten, die als Ganzes zusammenspielen, etwas herauszugreifen. Auch die ökumenischen Projekte und die Öffnung zum Pastoralraum hin gehören dazu. In allem empfinde ich als gelungen, dass ein Stil der gegenseitigen Wertschätzung im Pfarreileben herangewachsen ist.»

«Mich freut, dass sich der Pfarreirat, den ich 2005 ins Leben rief, zu einem kompetenten Gremium entwickelt hat, das nun in der Zeit der Vakanz eine wichtige Rolle spielen wird. Und es gab Brot-Begegnungen mit Menschen, die Hilfe benötigten. Ab und zu gelang einem Sozialhilfeempfänger der Schritt in die Selbstständigkeit.» Als Gemeindeleiterin – fühlte sie sich akzeptiert? «Natürlich gab es am Anfang auch Skepsis. Wie wird alles werden? Kommen nun keine Priester mehr? Als die Pfarreiangehörigen aber merkten, dass ich mit den Kurgeistlichen ein gutes Verhältnis pflegte und auch immer wieder Priester einlud, mit uns die Messe zu feiern, wuchs Vertrauen.

Zudem war ich meistens auch als Liturgin in den Eucharistiefeiern zugegen. Ich fühlte mich bald als Gemeindeleiterin akzeptiert. Ich war dankbar für das, was ich durfte, litt nicht an dem, was mir versagt blieb.» Frau Antonie war Co-Dekanin des Dekanats, Mitglied im Rat der Priester, Diakonin und Laientheologin des Bistums Basel und arbeitete in der Projektgruppe mit, die das Pastoralkonzept für den Pastoralraum Bern Oberland entwickelte.

Hat sich ihr Verhältnis zur Kirche, die in der Gesellschaft an Bedeutung verliert, in den Jahren verändert? «Die Kirche befindet sich in einem radikalen Wandlungspozess, der ihr sehr schwer fällt», erläutert Frau Antonie. «Sie steht vor der grossen Herausforderung, ihre verschütteten Schätze zu heben und mit der heutigen säkularen Gesellschaft, mit Menschen, die sich von der Kirche entfremdet haben, neu in Berührung zu bringen. Das bedeutet vor allem persönliche Begegnung. Meine Erfahrungen im kirchlichen Dienst haben mich geerdet. Vereinfachen, vereinfachen – zum Wesentlichen kommen und Zeit für Stille wurde meine Devise.»

Die Stille, die jetzt mit der Pensionierung folgt, macht die Angst? Frau Antonie, nach einem längeren Innehalten und sehr ernst: «Ich habe grossen Respekt vor diesem Schritt, der jetzt folgt», sagt sie leise, «den Alltag neu zu gestalten wird sicher eine Herausforderung. Es fällt mir nicht leicht, die Pfarrei zu verlassen, auch wenn mir bewusst ist, dass es jetzt der rechte Moment ist, um zusammen mit meinem Mann Daniel den neuen Lebensabschnitt zu gestalten. Wir sind geübt, einander Raum zu lassen, und wir werden gewiss gemeinsam Neues entdecken.»

Jürg Meienberg


Hinweis: Abschiedsgottesdienst, röm.-kath. Kirche Frutigen, 17. September, 10.00.
Weitere Infos auf der Website der Pfarrei Frutigen

 

 

13. September 2017
erstellt von «pfarrblatt»
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