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Bereit, zu lernen?

In der Gruppe haben wir zu bevorstehenden Meditationen die Anleitung bekommen, im Innern des Körpers einen Ort der Ruhe zu erspüren. Oder auch einen Ort, wo eine tiefe Sehnsucht spürbar war.

An diesem Ort konnten wir dann einen Raum «werden» lassen, ihn jeweils mit dem Einatmen wahrnehmen und vielleicht auch noch wachsen lassen. So entstand ein Platz in mir, ein Leerraum. Er sollte auch in den folgenden Tagen einer ersten Phase, während mindestens einem Monat, leer bleiben und nicht gefüllt werden. Die Intention war, dass er werden und sein darf, und ich es aushalte, ihn offen zu lassen und nicht zu wissen.

Es gibt eine jüdische Tradition, die erzählt, dass Gott sich ein wenig zurückgezogen hat und es dadurch ermöglichte, dass überhaupt etwas werden und sein kann, was nicht Gott selber ist. Aus einer Sehnsucht nach Beziehung. So sei die Schöpfung erst möglich geworden. Gott hat sozusagen in sich Platz gemacht für die Welt: quasi dem anderen, dem Fremden, Raum gegeben.

Es sieht so aus, dass die Meditationsanleitung anregen möchte, Gottes Vorbild in uns zu finden, wenn wir versuchen, in uns einen Ort zu erspüren, wo wir uns ein wenig zurückziehen und dem anderen einen Platz geben; zulassen und Platz machen für das, was geschieht, und für die anderen Menschen hier.

Und ist es nicht so, dass Neues lernen immer auch mit Platz schaffen verbunden ist? Möge es auch lustvoll und freudig sein und der Schmerz nicht zu gross. Oder gar zu einer ganz starken Erfahrung führen, wie Klara Butting vom Projekt der Woltersburger Mühle sagt: «Ich hatte unheimliche Angst …, doch dann habe ich gemerkt, dass die in meinem Herzen Liebe erwecken …» (www.woltersburger-muehle.de, Rubrik Eindrücke und Hintergründe, Zitat bei 3’15).

Ingrid Zürcher, ref. Seelsorgerin

Kolumnen aus der Inselspitalseelsorge im Überblick

2. September 2020
erstellt von «pfarrblatt» Nr. 19
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  • Spirituelles