Eine der Illustrationen zum neuen Bern Stadtplan über kolonialistische und rassistische Hintergründe. (Illustration: Simon Kiener)

Berns koloniale Geschichte auf einen Klick

Was Sklavenhandel mit Schweizer Reichtum zu tun hat, zeigt eine neue Website in verblüffend einfacher und einsichtiger Weise – mit einer riesigen Fülle von Hintergrundgeschichten.

Marius Schären, «reformiert.», zuerst publiziert auf www.reformiert.info

Sklavenhandel, Kolonialismus – und die Schweiz? In vielen Köpfen geht das nicht zusammen. Dass es Zusammenhänge gibt und wie sie aussehen, zeigt jetzt eine Sammlung von vielen Recherchen und Forschungen öffentlich und gut verständlich aufbereitet. Auf der Website bern-kolonial.ch sind bisher allein für die Bundesstadt 30 historische Ereignisse und ihre Folgen zusammengetragen und beschrieben. Und laufend kommen neue dazu.

Zu sehen ist neben dem Menu der Website zuerst eine weisse Fläche mit verschiedenen Strichzeichnungen und einem blauen Band, das die Aareschlaufe in Bern darstellt; ein interaktiver Stadtplan. Auf die Zeichnungen kann geklickt werden. Dann öffnet sich ein Fenster auf mit einer kurzen Beschreibung des Geschehens, das heute noch am betreffenden Ort sichtbar ist. Ein Klick darauf führt zur ausführlicheren Geschichte – und diese bringt wohl für manche Überraschendes zutage.

Investitionen aus der Schweiz – für Sklaverei und Rohstoffe

Beim Schmiedenplatz etwa geht es um die Sklavengeschäfte der Finanzbranche. Der Transport von Versklavten aus Afrika in die Kolonien sei als Handelsdreieck konzipiert gewesen, heisst es. Industrieprodukte aus Europa wurden nach Afrika transportiert und gegen Sklaven getauscht. Diese brachte man nach Amerika, wo dafür Rohstoffe auf die Schiffe kamen, die wiederum nach Europa gingen. Notwendig für das Ganze war viel Kapital – und Finanzhäuser wie die Berner Bank Marcuard wuchsen unter anderem mit Investitionen in den Handel mit Versklavten.

Zum Blick hinter die Fassaden wird man an manchen unterwarteten Orten eingeladen: vom Casino übers Bierhübeli und das Berner Rathaus bis zur Ryff-Fabrik im Marzili. Eine starke Rolle spielen dabei die Zeichnungen des Berner Illustrators Simon Kiener. Sie geben den verschiedenen Themen einen besonderen Wiedererkennungswert. Ein ausführliches Glossar und thematische Übersichtsseiten bereichern überdies den Einstieg ins Thema.

Mit Auftrag der Stadt Bern

«Die neue Website ermöglicht einfache Zugänge zu nicht eben rühmlichen Aspekten unserer Geschichte und schlägt einen Bogen bis in die Gegenwart», sagte Gemeinderätin Franziska Teuscher zur Vernissage der Website am 29. August. Sie bezeichnete den Online-Stadtplan als wichtiges und spannendes Bildungsprojekt. Die Stadt Bern beteiligte sich am Projekt aufgrund eines Postulats von 2014 mit dem Auftrag, die koloniale Vergangenheit aufzuarbeiten.

Karl Johannes Rechsteiner ist Präsident der beauftragten Stiftung Cooperaxion. Er sagt, welche grosse Arbeit hinter der neuen Website steckt: «Sie erläutert auf verständliche Art viele Forschungserkenntnisse der letzten Jahrzehnte. Damit setzt Cooperaxion ihre 15-jährige Bildungsarbeit fort und trägt weiter zum gesellschaftlichen Dialog über Kolonialismus und Rassismus bei.»

Wie Vergangenheit Gegenwart und Zukunft prägt

Dass dies notwendig ist, davon ist Rechsteiner überzeugt. Das Bedürfnis, koloniale Erfahrungen zu sammeln und sichtbar zu machen, äussere sich auf verschiedene Weise: durch politische Vorstösse oder soziale, künstlerische oder akademische Bewegungen.

Je nach Standpunkt habe Kolonialismus verschiedene Bedeutungen. «Aber für die globale Mehrheit stehen 400 Jahre Kolonialismus für Sklaverei, Vertreibung, aufgezwungene Sprachen, Geschlechternormen oder Religionen, Unterdrückung, aber auch vielfältigste Formen des Widerstands.»

Stadtplan ist noch nicht vollkommen

Schliesslich fände man in der Geschichte auch die Grundlagen unseres politischen Systems, die Entstehung der Institutionen, die Anhäufung des Reichtums, die Art und Weise, wie unser Selbstbild geprägt wurde. «Es ist unmöglich, über diese Geschichte zu sprechen, ohne sie im globalen System von Austauschbeziehungen und Verstrickungen zu sehen», betont der Stiftungspräsident.

Der Online-Stadtplan von Bern sei zwar eine Pionierarbeit, sagt Rechsteiner weiter. Vor allem in Deutschland gebe es ähnliche Initiativen. Aber er äussert auch Selbstkritik: Eine Schwäche sei beispielsweise, dass das Projekt noch nicht verknüpft sei mit den Missionsgesellschaften und mit der kirchlichen Rechtfertigungsgeschichte. Aber auch der Widerstand der Kirchen gegen Rassismus fehle noch.

Cooperaxion lädt zur Kooperation ein

Cooperaxion lädt daher alle ein, eigene Spuren zu melden, Hinweise und Ergänzungen einzugeben, Ideen vorzuschlagen. So könnten neue Beiträge entstehen und sich weitere Ansichten entwickeln.

Mehr auf der Website bern-kolonial.ch


28 Plakate zu Dreieckshandel, Sklaverei und helvetische Verwicklungen

Mit dem sogenannten Dreieckshandel überquerten Menschen, Tiere und Pflanzen die Ozeane und schufen die Welt von heute. Die Ausstellung von Cooperaxion wirft einen kritischen Blick auf die Rolle der Schweiz im Waren- und Sklavenhandel und Kolonialismus und zeigt auf, wie die Folgen dieser frühen Globalisierung bis heute nachwirken. Cooperaxion organisiert auch in Zusammenarbeit mit lokalen Organisationen in der deutschen Schweiz eine Ausstellung mit passenden Veranstaltungen.

Die Ausstellungsplakate gibt es zudem im A4-Format in einer Arbeitsmappe mit Bibliographie und Tipps zu weiterführender Literatur rund um die Themen Sklaverei, Rassismus und Kolonialismus.


Ideen-Set «Postkoloniale Schweiz» für den Unterricht

In Zusammenarbeit mit der Pädagogischen Hochschule Bern entwickelte die Stiftung Cooperaxion Schulmaterialien zur Rolle der Schweiz im Sklavenhandel und Kolonialismus. Das Ideen-Set «Postkoloniale Schweiz» bietet Lehrpersonen die Möglichkeit, dieses aktuelle und vielseitige Thema im Unterricht zu behandeln.

Die Materialien sind gratis online zum Herunterladen oder als Materialkoffer in der Bibliothek verfügbar. Sie befassen sich mit den Themen «Dreieckshandel», «Identität(en)», «Völkerschauen» und «Koloniale Erinnerungskultur» und sind für die Sekundarstufe I konzipiert. Sie können von Lehrpersonen jedoch flexibel angepasst werden. Cooperaxion organisiert auch Stadtführungen speziell für Schulklassen «Auf den Spuren der Sklaverei» in Neuenburg und Bern.

 

 

 

 

14. September 2020
erstellt von «pfarrblatt» online
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