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Beten

«Ich bin gläubig», sagt die Frau, «ja, sehr sogar. Ich bete viel, selbst während des ganzen Arbeitswegs von A nach B», erzählt sie weiter. «Aber helfen tut es nicht, und Antworten auf meine Fragen bekomme ich ebenfalls keine», folgert sie leicht resigniert und verdrossen.

Die Frau tut mir leid. Ihre Not und Verzweiflung sind spürbar. Ich versuche, ihr ein anderes Verständnis von Gott zu geben als von demjenigen Gott, der sämtliche Gebete erhört, und erläutere, was Beten auch noch bedeuten und beinhalten könnte.

Beten ist vielfältig und etwas Mehrdimensionales. Die vielen Bücher, die darüber geschrieben wurden, zeugen davon. Wir können allein beten und so Zwiesprache mit Gott halten. Oder wir können in der Gemeinschaft mit oder ohne Worte beten.

Es wird in allen Religionen gebetet, und die Körperhaltung scheint eine wichtige Rolle zu spielen. Je nach Religion sieht man unterschiedliche Ausformungen: ein Falten oder Erheben der Hände, ein Niederknien oder Niederfallen und vieles mehr. Das gemeinschaftliche Beten nennt man Ritual, das durch geregelte Abläufe bestimmt ist.

Die Frau gibt sich nicht so schnell zufrieden. Warum auch? Schliesslich hat sie, so erfahre ich, in einem Bibelkurs gelernt, dass Gott uns helfe, wenn wir nur genügend darum bitten.

Tatsächlich gibt es Stellen in der Bibel, die eine solche Schlussfolgerung zulassen, wenn der Text wörtlich genommen wird. «Bittet, so wird euch gegeben; sucht, so werdet ihr finden; klopft an, so wird euch aufgetan» können wir in Matthäus 7,7 lesen. Eine Auslegung dieser Textstelle bemerkt dazu: «Die Erhörungsgewissheit Jesus hänge wohl mit seiner bis zum Tod ungebrochenen Hoffnung an das Kommen des Gottesreiches zusammen. Durch die Kraft dieser Hoffnung habe Jesus seinen Tod bestanden.» Und der Kommentar weiter: «Matthäus sage damit keineswegs, dass der Glaube an das Gebet alles Leiden erspare bzw. Gott alle Gebetsbitten erhöre.»

Warum also beten, wenn Gott unsere Bitten nicht erhört? Jegliches Beten ist im weitesten Sinne eine Kontaktaufnahme mit der Transzendenz.  Wir stellen eine Beziehung mit der höchsten Kraft, dem Göttlichen her. Beten ist menschliche Kommunikation mit Gott, durch die unsere Zuversicht ins Leben gestärkt wird. Diese Kommunikation abzubrechen, ist das schlimmste, was geschehen kann.

So ist bei manchen Sportler*innen zu beobachten, dass sie beim Betreten der Wettkampfstätte religiöse Rituale wie das Kreuzzeichen in das Vorwettkampfritual einbeziehen. Dänische Wissenschafter*innen haben empirisch ermittelt, dass Gläubige durch das Gebet in der Erwartung von Wettkampfstress und Schmerz zuversichtlicher sind und signifikant weniger Schmerz wahrnehmen als Nicht­Betende.

Barbara Moser, ref. Seelsorgerin

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16. September 2020
erstellt von «pfarrblatt» Nr. 20
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