Sich trotz und mit Lasten dem Leben zuwenden, biblische Botschaft. Foto: Creativa Images, fotolia.

Beziehungswunden und die Kraft des Vergebens

Sind Sie nachtragend? Kennen Sie dieses Gefühl, wenn die Gedanken kreisen, immer wieder das Geschehene durchgehen – «Warum? Wie konnte es nur?» Oder gehören Sie zu den (glücklichen) Menschen, die Vergangenes auf sich beruhen lassen können und lieber nach vorne schauen, statt innere Diskussionen zu führen? Wer nachträgt, trägt schwer.

In ihrem Buch «Die Kraft des Vergebens» schildert Melanie Wolfers anschaulich, wie sie in einem Workshop einen Stein auswählen musste, der ihren Groll symbolisierte, und dann den Auftrag bekam, ihn einer Person «nachzutragen». Anfangs ganz amüsant, wurde das Spiel immer beschwerlicher. Nicht zu vergeben, bindet Kräfte; es kostet Energie und geht zulasten der eigenen Lebendigkeit. Die Frau Lots, so erzählt eine biblische Geschichte, erstarrt zur Salzsäule, da sie ihren Blick nicht von der Vergangenheit lösen kann.

Vergeben heisst nicht vergessen

Wir Menschen sind unterschiedlich verletzbar und geübt, kleinere Kränkungen im Alltag zu verarbeiten. Werden wir von Menschen, die uns nahestehen, verletzt oder im Stich gelassen, sind die Wunden oft tief. Verletzungen in der Eltern-Kind-Beziehung, unter Partnern, Freundinnen oder Verwandten lassen sich nicht so leicht beiseiteschieben, und das ist gut so. Denn: Wunden müssen ans Licht, um heilen zu können. Werden sie zugedeckt durch Verharmlosung oder billige Entschuldigungen, entzünden sie sich.
Den Gefühlen, die eine Verletzung mit sich bringt, Schmerz, Wut, Trauer, Angst ist Raum zu geben, um sie verarbeiten zu können. Man kann nicht schnell mal vergeben, weil Gott es so will. Es ist ein langer, innerer Weg der Befreiung, ein Weg aus der Fremdbestimmung in seine eigene Lebensspur.
Dabei, so beschreibt Wolfers aus ihrer therapeutisch-spirituellen Praxis, gehe es nicht darum, zu vergessen, sondern vielmehr, sich mit der Zeit anders zu erinnern, sich durch den Gedanken an das Erlittene nicht mehr so gefangen nehmen zu lassen. Diese innere Aussöhnung braucht das äussere Gegenüber nicht; sie kann auch bei Trennung vom Partner oder nach dem Tod der Eltern gelingen.

Den Mist ausbreiten

Von Johannes Tauler (ca. 1300–1361) gibt es eine schöne Geschichte, die den mühsamen und schmerzvollen Prozess des «Ans-Licht-Bringens» wie auch das neue Leben zum Ausdruck bringt. Tauler erinnert an das Pferd, das seinen eigenen Mist aus dem Stall schafft und Fuhre für Fuhre auf dem Acker ausbreitet, damit das Getreide wächst. «Streue deinen Mist auf das edle Feld (Gottes), daraus spriesst ohne allen Zweifel in demütiger Gelassenheit edle, wonnigliche Frucht auf.»

Der christliche Glaube als Ressource

Die christliche Spiritualität kennt viele Motive für einen heilenden Umgang mit unseren Wunden. Um den Weg des Vergebens gehen zu können, müssen wir nach einer Verletzung zuerst den Boden unter den Füssen wiederfinden. Dabei können uns der Zuspruch und die Erfahrung helfen, von Gott geliebt und angenommen zu sein mit allem, was gelungen und was misslungen ist. Gottes Suche nach dem Verlorenen steht quer zum allgegenwärtigen Zwang zur Selbstoptimierung. Die biblischen Geschichten ermutigen, sich dem Leben zuzuwenden und sich auf seine Wege und Umwege einzulassen; sie wissen um den Faktor Zeit wie auch um das Moment des Geschehenlassens. Vergebung braucht Hoffnung, die Zuversicht, anzukommen. Denn Vergeben ist ein Schritt nach vorn, ein Aufbruch in ein neues Land.

Angela Büchel Sladkovic

Literaturhinweis
Melanie Wolfers, Die Kraft des Vergebens. Wie wir Kränkungen überwinden und neu lebendig werden, Herder 2017, 208 Seiten, Fr. 18.90

Fachstelle Ehe, Partnerschaft und Familie

 

 

13. Dezember 2017
erstellt von «pfarrblatt»
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