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Bibel: Weisheiten und Absichten

Vor meinem Studium las ich die Bibel unbeschwert als «Wort Gottes». Dann lernte ich sie als Sammlung unterschiedlichster Schriften kennen, die vom  altorientalischen Denken und vom Selbstverständnis des jüdischen Volkes geprägt  ist. Ich lernte, dass die Bibel nicht wörtlich zu lesen ist. Ihre Weisheit ist  hintergründig, etwa in den alten Mythen z.B. von Kain und Abel, der Arche Noah   und dem Turmbau von Babel. Diese Erzählungen behandeln psychologische und  philosophisch-theologische Fragen. Auch die Texte zur Geschichte des jüdischen    Volkes sind nicht 100% historisch zu verstehen. Dahinter stecken gute pädagogische, aber auch fragwürdige politische und wirtschaftliche Absichten. Die  Erwählung Abrahams, die Verheissung des gelobten Landes, die Schliessung des  Bundes … sind erbauliche Erzählungen, die Historisches nachträglich deuten,  ausschmücken, auf eine religiöse Reihe bringen und rechtfertigen. Die Eroberung  Palästinas wurde als Plan Gottes dargestellt. So konnte man die Verantwortung  für das Morden an den Völkern jener Region an Gott abtreten. Beim Schildern von  Ereignissen übertrieb man auch, um Staunen und Glauben hervorzurufen. Ein   Beispiel: In der älteren Version der Erzählung vom Durchzug durchs Rote Meer  heisst es, ein Wind habe das Meer ausgetrocknet; ein späterer Zusatz sagt, das  Wasser sei «wie eine Wand» gestanden. Da staunt man! Das fördert den Glauben  und den Zusammenhalt der religiösen Gemeinschaft.

José Balmer vertritt seine persönliche Sicht. Wer auf seine Anregungen einsteigen will, kritisch, zustimmen oder ergänzend, kann das in unserem begleitenden Forum tun (Online-Formular, Email).

5. Februar 2014