Im Fokus: Erinnerung an die verstorbene Person. Foto: Pia Neuenschwander

Niemand sollte alleine sterben. Foto: Pia Neuenschwander

Bilder vom Übergang

Was geschieht nach dem Tod? Was passiert mit der Seele eines Menschen, wenn er stirbt? Fragen dieser Art sind spannend. Umso erstaunlicher ist es, dass sie in dem Moment, wo Angehörige konkret mit dem Tod eines lieben Menschen konfrontiert werden, oftmals in den Hintergrund treten. Eine Seelsorgerin berichtet von ihren Erfahrungen.

Nach einem Todesfall führt die Trauer des Abschieds bei den Hinterbliebenen oft zu einer lähmenden Erstarrung oder Erschöpfung. Andererseits ist da die praktische Herausforderung, innerhalb weniger Tage viel entscheiden und organisieren zu müssen. Für nachdenkliche Fragen über Leben und Tod fehlen in dieser Situation oft Zeit und Kraft. Das Gespräch mit dem oder der Seelsorger*in wird zu diesem Zeitpunkt zu einer Begegnung unter vielen.

Der Schwerpunkt in diesem Gespräch wird meistens auf der Vorbereitung der Abschiedsfeier und auf der Erinnerung an die verstorbene Person und ihrem Leben liegen. Eher selten wird in dieser Situation das Bedürfnis nach einem Gespräch über Leben und Tod, Leib und Seele oder das ewige Leben spürbar. Jedoch gibt es in Begegnungen mit trauernden Hinterbliebenen immer wieder kurze und berührende Augenblicke, in denen es durchaus möglich ist, auch diese Fragen anklingen zu lassen.

Die Seele lebt weiter

Wenn Angehörige nach dem Besuch in der Aufbahrungshalle von einem seltsamen Gefühl berichten, die oder der Verstorbene sei irgendwie nicht mehr wirklich da, öffnet das die Tür zu einem Gespräch über die christliche Zuversicht, dass die Seele des Menschen über den Tod hinaus unsterblich bleibt. Auch wenn die Vorstellungen von der Unsterblichkeit der Seele sehr unterschiedlich sind und letztlich niemand weiss, wie es dann wirklich sein wird, kann das Gefühl, dass die Seele des geliebten Menschen nicht bestattet wird, sondern im oder nach dem Tod den Leib verlässt, befreiend sein. Und die Erfahrung, dass jene körperliche Hülle, die bestattet wird, nicht mehr jener ganze Mensch ist, den man geliebt hat, kann den Abschied durchaus erleichtern.

Wenn Angehörige sich schwer damit tun, den geliebten Menschen gehen zu lassen, kann es hilfreich sein, sie daran zu erinnern, dass die oder der Verstorbene nicht allein sein wird. Die christliche Tradition kennt besondere Gebete für das Sterben. Ihre fremd gewordene Sprache macht uns Menschen heute den Zugang nicht leicht.
Doch die Bilder vom Übergang in den Himmel sind voller Vertrauen und Zuversicht: Wir durften den lieben Menschen in diesem Leben bis an die Tür zu einem anderen Leben begleiten und müssen ihn an der Schwelle loslassen. Aber dort kommen ihm Engel und Heilige und alle Menschen, die ihm bereits in den Himmel vorausgegangen sind, entgegen, nehmen ihn in Empfang und tragen ihn ins «Paradies» – in Gottes Frieden und unendliche Liebe.

Neue Nähe finden

Wenn Angehörige den Wunsch haben, ihre*n Verstorbene*n privat beizusetzen, oder wenn sie die Asche aufteilen und an unterschiedlichen Orten bestatten möchten, bietet es sich an, mit ihnen der Frage nachzugehen, welche Vorstellungen vom Tod sich hinter diesem Wunsch verbergen. Steht dahinter zum Beispiel die Vorstellung, sich in der Urne auf der Fensterbank oder durch die unter dem Rosenbusch im Garten verstreute Asche die Nähe des Verstorbenen bewahren zu können, ist es eine seelsorgliche Aufgabe, miteinander behutsam einer neuen Form von Nähe zu dem geliebten Menschen auf die Spur zu kommen, die nicht mehr auf seine materielle Gegenwart angewiesen ist.

Tröstliche Energie

Wenn sich Angehörige vorstellen, dass die oder der Verstorbene über den Tod hinaus als Kraft oder als Teil des Kosmos weiterlebt, ermöglicht dies, über Vorstellungen vom Leben nach dem Tod ins Gespräch zu kommen. Der Gedanke, dass sich die Nähe der oder des Verstorbenen nun einatmen lässt, da sein letzter Atemzug in der Welt bleibt oder dass ihre oder seine Energie in der Erde neuem Leben Kraft gibt, ist tröstlich. Er wirkt der Angst entgegen, dass unser ganzes Leben mit allem Lieben und Leiden letztendlich vergeblich sein könnte.

Zur tröstlichen Botschaft des Christentums gehört aber darüber hinaus das Vertrauen in einen Gott. Er hat die Menschen nicht nur als kunstvolle Geschöpfe aus Materie, Geist und Seele geschaffen, sondern als ganz persönliche Wesen. Sie bewahren ihre Einzigartigkeit und ihr Person-Sein auch über den Tod hinaus. In dieser Einmaligkeit sind sie von Gott beim Namen gerufen und für immer in seine liebende Hand eingeschrieben.

31. Oktober 2018
erstellt von «pfarrblatt» Nr. 45-46
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