Blick nach oben ... Foto: fotolia

Blick nach oben, Ausblick nach unten

Die Neue Zürcher Zeitung hat als 1. Aprilscherz einen Artikel geschrieben, dass in Zürich das Hantieren mit dem Handy auch für Fussgänger verboten werde. Die unaufmerksamen Fussgänger würden zu viele Unfälle provozieren. Der Blick nach unten ist also gefährlich.
Genauso kann der Blick nach oben gefährlich sein, zumindest irreführend. «Ihr Männer von Galiläa, was steht ihr da und schaut zum Himmel empor?» werden die Jünger gefragt. Sie blicken empor, schauen dem entschwindenden Christus nach und werden sogleich wieder auf den Boden der Wirklichkeit zurückgeholt.

Das scheint mir eine verbreitete Tendenz in unseren Kirchen zu sein: den Blick auf unsere Gewohnheiten und Traditionen geheftet, sehen wir nur noch, was entschwindet, und übersehen das Neue, das rund um uns herum entsteht, in und ausserhalb der Kirchen. Aus Gewohnheit – «bisher war es immer so» – und aus Bequemlichkeit – «ich müsste mich und meine Einstellung ändern» – haben wir Jesus aus den Augen verloren und blicken dahin, wo wir ihn verloren haben. Und dabei verpassen wir es, ihn an neuen Orten zu entdecken.

Der Blick nach oben birgt noch eine andere Gefahr in sich: nur das, was «oben» ist, zählt, also das Heilige, Besondere, Hohe. Und tatsächlich muss das Heilige bewahrt und geschützt werden. Nur soll dieses Schützen nicht zu einer musealen Erstarrung führen. Gott hat ja genau den umgekehrten Weg gewählt. Er kam von oben herab, kam zur Erde und wurde ein Mensch. Daher ist Gott im Niedrigen, Unscheinbaren und Alltäglichen zu finden, weil er sich der Erde verschrieben hat.

So sind wir Gott treu, wenn wir der Erde treu sind, ohne uns von ihr vereinnahmen zu lassen. Der Blick nach oben kann helfen, das Heilige nicht aus den Augen zu verlieren und gleichzeitig den Blick für das Niedrige zu schärfen. Der Herr ist nicht in den Himmel «aufgefahren», um sich zu verabschieden, sondern um immer neu und überraschend an uns heranzutreten.

Andreas Rellstab, kath.ch

 

Andreas Rellstab ist Pfarrer des Seelsorgeraumes St. Anton-Maria Krönung in Zürich. Von 2011 bis 2013 war er Sprecher des «Wort zum Sonntag» im Schweizer Fernsehen.

 

6. Mai 2015