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News-Artikel

«Die Vereinheitlichung wird nicht akzeptiert und somit bleibt das Menschliche bewahrt.» Elisabeth Reingruber, 1983, Jugendarbeiterin in St. Antonius und St. Mauritius, Bern-Bethlehem

Braucht es "gleiche" Worte?

Ich reise leidenschaftlich gern. Finde unterschiedliche Kulturen und Sprachen enorm spannend und erlebe immer wieder ein Hinterfragen eigener Gewohnheiten und Lebensvorstellungen durch die Begegnung mit Menschen aus anderen Ländern. Faszinierend ist für mich zu sehen, wie viel ich verstehen kann, ohne die Sprache zu sprechen und im Vergleich dazu, wie wenig ich oft verstehe, obwohl ich mich in meiner Muttersprache verständige.

So habe ich in einem Praktikum in Kenia mit einer Frauengemeinschaft zusammengearbeitet, die Grossteils nur Kamba, einen lokalen Dialekt, gesprochen hat. Es war trotzdem möglich, gemeinsam ein Projekt zu verwirklichen. Neben dem Übersetzen wurden für mich die Atmosphäre, die Stimmlage, der Redefluss usw. wichtig und bedeutend.

Im Turmbau zu Babel geht es nach meiner Interpretation auch um Kommunikation. Einleitend wird vom Gebrauch gleicher Sprache und gleicher Worte geschrieben, jedoch wird im Laufe der Erzählung die Sprache verwirrt. Für mich ist diese Bibelstelle faszinierend, wirft gleichzeitig aber auch einige Fragen auf: Wie findet eine gute Kommunikation statt? Braucht es «gleiche » Wörter dazu? Die Sprachvereinheitlichung stelle ich mir wie das binäre Zahlensystem der Computersprache vor. «0» und «1» funktionieren zum Befehleingeben, doch jegliche zwischenmenschliche Komponente ist nicht mehr kommunizierbar.

Beeindruckend finde ich, dass diese Vereinheitlichung in dieser Bibelstelle jedoch nicht akzeptiert wird und somit das Menschliche bewahrt bleibt. Es geht wieder zurück zu der Vielfalt, dem oft sehr schwierigen Zwischenmenschlichen. Dem schwer zu interpretierenden Unterton, der Tonlage – dem versteckten Eisberg der Kommunikation. So schwierig es auch manchmal sein mag, mir macht diese Bibelstelle Mut zum Zuhören und neugierig Sein auf die Vielfalt der Kommunikation.  

20. Oktober 2011