Jeder Zettel steht für einen toten Menschen. Gestorben auf der Flucht, im Mittelmeer oder an Europas Aussengrenze. Foto: Sylvia Stam

«Breaking News»: Tragödie im Mittelmeer

44'000 Menschen starben seit 1993 im Mittelmeer beim Versuch, nach Europa zu flüchten. Ein Netzwerk von diversen kirchlichen Organisationen errichtet auch in diesem Jahr in 19 Städten in der Schweiz Mahnmale für diese Toten. Ihre Namen werden beispielsweise in Bern auf weisse Zettel geschrieben und laut vorgelesen. Die Schweizer Regierung wird hart kritisiert.

Von Andreas Krummenacher

Die meisten dieser Toten ertranken. Andere wurden an Grenzübergängen erschossen. Männer, Frauen, Jugendliche, Kinder, Babys. Das sagte Pfarrer Andreas Nufer an einer Medienorientierung in der Heiliggeistkirche in Bern am 9. Juni.

An den Aussengrenzen Europas und in Nordafrika würden aktuell hunderttausende Menschen in erbärmlichen Flüchtlingscamps leben. «Die Welt, Europa und die Schweiz schauen zu», so Andreas Nufer. 

Eva Ostendarp von der Seenotrettungsorganisation SOS Mediterranée erläuterte anschliessend, dass sich die humanitäre Lage im zentralen Mittelmeer weiter zuspitze. Die Sterblichkeitsrate sei explodiert. Sie sprach von 675 Toten allein in diesem Jahr. Ein Vielfaches der Zahl des letzten Jahres.

Dramatische Rettungsversuche

Die Seenotrettung würde nicht funktionieren, es finde keine Koordination statt, die zivilen Organisationen würden nicht informiert. Die europäischen Staaten hätten ein «tödliches Vakuum im Mittelmeer» hinterlassen.

Eva Ostendarp berichtete von dramatischen Szenen im Mittelmeer, von grossen Unglücken, von vielen Toten, aber auch von geglückten Rettungsmissionen. Sie erzählte von 130 Toten, weil es den Retter*innen bei sehr rauer See nicht gelang, ein in Not geratenes Boot zu finden.

Andreas Nufer ergänzte, dass es ein Missverhältnis gebe, dass wir das einfach so hinnehmen würden. Er rief in Erinnerung, dass ein Flugzeugunglück im Mittelmeer mit ähnlich vielen Toten grosse «Breaking News» auslösen würden. Hier aber bleibe es stumm.

Politische Forderungen

Andreas Nufer ist mit den Organisator*innen der Aktion «Beim Namen nennen» der Meinung, die Flüchtlingspolitik der Schweiz sei unzureichend. Mit einer Postkartenaktion sollen darum die National- und Ständeräte des eigenen Wohnkantons direkt angeschrieben werden. Man soll einfordern, dass die Schweiz für Flüchtlinge ein sicherer Hafen werden soll.

Lisa Mazzone, Ständerätin der Grünen Partei für den Kanton Genf, wies an der Medienkonferenz auf eine Motion hin. Diese trägt den Titel «Humanitäre Notlage im Mittelmeer. Die Schweiz soll sich am Verteilungsmechanismus der ‹Koalation der Willigen› beteiligen».

Diese Motion sei für das Überleben dieser Menschen wichtig, man müsse National- und Ständeräte darauf aufmerksam machen. Die Schweizer Regierung sei zu untätig. Es wurden bereits 28'000 Postkarten abgeschickt. Ebenfalls unterstützen die Organisator*innen die Motion zur Wiedereinführung des Botschaftsasyls.

Hintergrund der Aktion

«Beim Namen nennen» ist ein Zusammenschluss verschiedenster Organisationen, hauptsächlich mit kirchlichem oder NGO-Hintergrund. Verschiedene reformierte Kirchen werden aufgeführt, die Caritas und auch die Katholische Kirche Region Bern. Initiiert wurde die Aktion von der «offenen kirche bern».

Die Namen

Die Schauspielerin Delia Mayer schrieb während der Medienkonferenz in der Heiliggeistkirche in Bern unermüdlich Namen von ertrunkenen Menschen auf weisse Zettel. Gestorben auf der Flucht in ein angeblich besseres Leben. Sie war damit Teil des Mahnmals für diese Toten. Die Namen werden nun bei verschiedenen Aktionen rund um den Flüchtlingstag vom 19. Juni gelesen und bei der Heiliggeistkirche in Bern ausgestellt.

Anschliessend werden die Streifen mit den Namen abgenommen, zusammengenäht und in Bücher gebunden. Angereichert mit Texten zur Aktion. Sie sollen dann auf eine Tour durch Museen, Kirchgemeinden oder Schulen gehen.

 

HinweisDas Programm rund um den Flüchtlingstag und die Aktion «Beim Namen nennen» finden Sie hier.

10. Juni 2021
erstellt von «pfarrblatt» Bern
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