Christiane Laudage, Das Geschäft mit der Sünde. Ablass und Ablasswesen im Mittelalter, Herder 2016, 352 S., Fr. 32.50

Buch: Das Geschäft mit der Sünde. Ablass und Ablasswesen im Mittelalter.

«Reformierte Propaganda»

Martin Luther widmete seine berühmten 95 Thesen, die am Anfang der Reformation stehen, schwergewichtig dem Kampf gegen den Ablasshandel. Schon die erste These behandelt dieses Thema. Was aber versteht man unter Ablass und Ablasshandel?

Wir machen oft den Fehler, geschichtliche Prozesse und Zeitabschnitte aus heutiger Sicht und mit den aktuellen Mentalitäten zu betrachten. Wie aber haben Menschen vor 500 Jahren wirklich gedacht? Was war im Trend? Was hatte Konjunktur?
Der Ablass war offensichtlich ein wichtiger Teil der mittelalterlichen Frömmigkeit, das jedenfalls weist die Historikerin Christiane Laudage in ihrer Studie «Das Geschäft mit der Sünde, Ablass und Ablasswesen im Mittelalter» nach. Sie schreibt, dass im christlichen Europa des Mittelalters Religion und Alltagsleben eng miteinander verwoben waren. Man ging zur Beichte und der Priester sprach den Sünder von jeder Schuld los. Allerdings auferlegte er ihm oder ihr eine Busse zur Wiedergutmachung. Diese Bussen konnten durch einen Geldbetrag an ein wohltätiges Werk (Ablass) reduziert werden.
Mit der Zeit weitete sich dieser Gedanke auf das Jenseits aus. Im Fegefeuer galt es, für die irdischen Sünden Busse zu tun, bevor man in den Himmel eintreten konnte. Durch Ablass konnte man diese Zeit im Fegefeuer nun verkürzen. Der Ablass war im damaligen Verständnis der Menschen eine «Versicherung» auf das omnipräsente Jenseits. Der Ablass war eine Vorauszahlung, eine Investition für das ewige Leben. Laudage schreibt von einer Wunderwaffe. Er sei Lohn für Almosen und Spenden für Notleidende gewesen. Er sei für die Baufinanzierung von Kirchen und Hospitälern genutzt worden, sogar für die Errichtung und Sanierung von Brücken oder Strassen. Der Ablass sei breit akzeptiert gewesen, ein vollkommen normales Finanzierungssystem für fast alles.

Doch schon früh gab es Kritik, weil es auch schon früh zu Übertreibungen und Exzessen gekommen sei. Laudage nennt Trickbetrüger und Produktfälscher, die den Leuten das Geld aus der Tasche gezogen hätten. Geld versickerte, Ablasskampagnen zum Bau von Kirchen folgten in zu schneller Abfolge, bestimmte Ablässe wurden plötzlich – aus reiner Geldgier – ungültig. Kurz: Das System sei missbraucht worden.

Laudage schildert insgesamt aber ein sehr verständnisvolles Bild der ganzen Thematik. Als ob es gelte, 500 Jahre «reformierte Propaganda» zu entschärfen. Insgesamt ist es ein allgemeinverständliches, spannendes Buch. Die Autorin versteht es, Geschichten und Geschichte zu erzählen. Sie endet abrupt und die Schlussbemerkungen fallen dürftig aus. Martin Luther forderte, das ganze Leben solle Busse sein und genau diesen harten Weg konnte man mit Hilfe der Ablässe umgehen. Da hatte der Ablass für Luther also definitiv keine Chance.

Andreas Krummenacher

25. Januar 2017
erstellt von «pfarrblatt»
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