Pierre Stutz. Lass dich nicht im Stich – Die spirituelle Botschaft von Ärger, Zorn und Wut. Patmos Verlag 2017, 193 Seiten, Fr. 29.90

Buch - Lass dich nicht im Stich

Göttlicher Zorn. Was für einen unangenehmen Beigeschmack hat dieser Begriff doch in heutigen Ohren. Nicht so bei Pierre Stutz. In seinem neuen Buch «Lass dich nicht im Stich – Die spirituelle Botschaft von Ärger, Zorn und Wut» führt er aus, was göttlicher Zorn für ihn bedeutet: nicht das Bild eines rachsüchtigen Gottes, sondern die Kraft aus dem Zorn in jedem von uns. Die Auflehnung gegen Ungerechtigkeit, das kraftvolle Auf-den-Tisch- Hauen. Stutz selbst hat jahrelange Erfahrung mit Zorn: vor allem in Form von unterdrückter Wut und erzwungener Friedfertigkeit.

Unterdrückter Zorn. Offen erzählt er von seinem Burn-out, der dem jahrelangen Hinunterschlucken von Zorn folgte. Und von dem sexuellen Missbrauch, den er während seiner Jugend erlebte. Hilflos habe er seiner Wut gegenübergestanden, so Stutz. Das aus seiner Sicht falsche Verständnis der Religion von Zorn und Wut als «verbotene Emotionen» brachte ihn dazu, seinen Ärger zu unterdrücken. Eine zweijährige Lebenskrise war die Folge. Grund dafür war auch seine Homosexualität. Spürbar wird Stutz’ «göttlicher Zorn», wenn er das von Papst Franziskus formulierte Mitleid, das Homosexuellen entgegengebracht werden solle, entschieden zurückweist. Sein eigenes Coming-out erfolgte erst nach langem Schweigen und Verdrängen. Aggression und Sexualität – laut Stutz die beiden stärksten, ursprünglichsten Kräfte in der menschlichen Natur. Stutz prangert die verhängnisvolle Unterdrückung beider elementarer Aspekte des menschlichen Wesens an. Das Christentum stehe in der Gefahr, aus lauter Feindesliebe den falschen Schluss zu ziehen, Aggression und Wut würden dadurch inexistent. Um seinen Feind lieben zu können, müsse man zuerst überhaupt einen Feind haben; und wo ein Feind sei, da seien nun mal Zorn und Wut.

Balance. Innere Ruhe ergebe sich nicht dadurch, stoisch die Ereignisse einfach hinzunehmen. Stutz plädiert hier für einen Aufschrei nach Veränderung, der aber in keinem Widerspruch zur inneren Balance stehe. Wahre Erlösung lasse den Zorn nicht verschwinden. Vielmehr verwandle sie ihn: in eine schöpferische, innere Kraft zur Veränderung.

Ich genüge nicht. Von der Spannung zwischen Ich-Bezogenheit und Fürsorge spricht Stutz: Auch in der Bergpredigt findet er diese Thematik, dort zwischen Gerechtigkeit und Barmherzigkeit. Von der Tendenz der Menschen, Negatives ins Zentrum zu stellen. Dem inneren Kritiker freien Lauf zu lassen und sich so nie zu genügen. Als Beispiel führt er den Psychoanalytiker Erich Fromm ins Feld. Dieser schrieb über das Phänomen, dass so viele Menschen einen idealen Traumpartner suchen und ernüchtert sind, dass sie diesen nicht finden. Fromm sage, dass das unmöglich sei, denn sie würden in diese Traumfigur alle Eigenschaften und Fähigkeiten projizieren, die sie bei sich vermissen; die der innere Kritiker permanent kleinredet und bemängelt. Das erzeugt ungerechtfertigte Scham, die sich hinter Zorn und Wut verbirgt.

Selber-Denken. Stutz’ psychologische Ansätze sind einleuchtend. Bei der Lektüre wird klar, dass der Autor keine Handlungsanleitung verfassen wollte; vielmehr legt er Wert auf das Motivieren zum Selber-Denken, Selber-Erforschen. Zu allen Themen verweist Stutz auf andere Autoren: Psychoanalytiker, Kirchenväter oder Philosophen. Das ist spannend, wird stellenweise aber anstrengend und mutet bisweilen ein wenig zu wissenschaftlich-akademisch an. Nichtsdestotrotz: Stutz bleibt authentisch und fühlbar hinter den Gedanken, die er aus seinen Erfahrungen entwickelt.

Vielfältig. Manchmal will man zwar nicht recht wissen, was jetzt genau anfangen mit den Ansätzen, die Stutz präsentiert: Stutz selbst stellt fest, wie vielfältig sich Aggression und Zorn zeigen. Genauso vielfältig sind die Wege im Umgang damit. Am Ende muss jeder selbst wissen, wie er diesen Kampf ausficht.

Sebastian Schafer

 

Lesung Pierre Stutz «Lass dich nicht im Stich»
Ort: Haus der Religionen, Europaplatz 1, Bern
Zeit: Mittwoch, 28. Juni 2017, 20.00 Uhr

21. Juni 2017
erstellt von «pfarrblatt»
  • Pfarrblatt / Angelus
  • Spirituelles
  • Bildung