Köhlmeier, Michael: Der Mann, der Verlorenes wiederfindet, Hanser 2017, Fr. 27.90, 160 Seiten.

Buchbesprechung - Antonius Hilf finden!

Michael Köhlmeiers Novelle berichtet über die letzten Stunden des Antonius von Padua, den Franziskaner und begnadeten Prediger aus dem 13. Jahrhundert, der auf unerhörte Weise schon ein Jahr nach seinem Tod heiliggesprochen werden sollte und noch heute angerufen wird in allen möglichen Lebenslagen, besonders in Liebesangelegenheiten und beim Auffinden verlorener Dinge.

Das Wesentliche! Darüber versucht der geschwächte, von Schmerzen und Durst gequälte Prediger nachzudenken, während er, allein auf einer Pritsche liegend, auf der Piazza von Arcella sein Ende erwartet. Umringt ist er von 3000 Zuhörern, die der letzten Predigt des eloquenten Gottesmannes fasziniert gelauscht haben und jetzt ekstatisch darauf hoffen, dass der vor ihren Augen Sterbende auch sofort sichtbar in den Himmel aufgenommen werde.

So wie Gedankensplitter im Halbschlaf oder Fieber nicht sofort durchschaubare Wendungen nehmen und dennoch unerwartete Zusammenhänge bilden können, so breiten sich Antonius’ Erinnerungen und Visionen aus, beschwören Bilder durchsichtiger Wesen, Bizarres aus Fegefeuer und Hölle herauf, das Hieronymus Bosch später zu seinen Gemälden inspiriert haben könnte.

Zitate von Hiob, Paulus oder Augustinus helfen aus, wenn eigene Gedanken als unzulänglich erachtet werden. Da ist Antonius’ lebenslanges Ringen um echte Demut, obwohl (oder grade weil) er sich der für seine Zeit aussergewöhnlichen Kenntnisse bewusst ist, besonders seiner Gabe zu reden. Fragen drehen sich um die Rolle des Bösen per se, das begleitet wird von Neid und Hass in den Herzen und in der Welt, welche aber Voraussetzung sind, damit das Gute als Liebe erst hervortreten kann und erfahrbar wird. Wer nach der Lektüre wieder ins Hier und Jetzt auftaucht, mag sich etwas beklommen als Teil der beschriebenen Menge fühlen. Vielleicht beschleicht einen auch das Gefühl, das Wesentliche oder das, was wichtig scheint, verpasst zu haben …

Lesevergnügen pur für alle, die sich an pittoresker Sprache erfreuen.

Andrea Huwyler

Köhlmeier, Michael: Der Mann, der Verlorenes wiederfindet. Hanser 2017, Fr. 27.90, 160 Seiten.

Ein erhellendes Gespräch mit dem Autor können Sie  hier auf SWR2 hören

25. Oktober 2017
erstellt von «pfarrblatt»
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