Buchbesprechung - «Für Recht und Würde – Georges Brunschvig, jüdischer Demokrat, Berner Anwalt, Schweizer Patriot (1908– 1973)»,

Ein Menschenfreund

Georges Brunschvig war ein jüdischer Demokrat, ein Berner Anwalt und ein Schweizer Patriot. Er hat sein Leben dem Kampf gegen Diskriminierung und für die Gleichstellung der Juden gewidmet. Hannah Einhaus legt nun seine Biographie vor.

Worte können töten. Es ist bloss eine Gewissensfrage, ob man das auch zulässt. Exemplarisch dafür steht das üble antisemitische Machwerk «Die Protokolle der Weisen von Zion». Rechtsextreme berufen sich bis in unsere Zeit auf diese Fälschung. Georges Brunschvig hat in den 1930er Jahren einen Prozess gegen die Distributoren geführt und er hat gewonnen. Er hat damit wohl den Grundstein für die heutige Antirassismusstrafnorm gelegt.

Brunschvig war 27 Jahre lang, bis zum seinem Tod 1973, Präsident des Schweizerischen Israelitischen Gemeindebundes. Die Journalistin und Historikerin Hannah Einhaus zeigt, dass sein Leben ein Spiegel für die Stellung der Juden in der Schweiz ist. Eine überaus wechselvolle Geschichte. Mal abgelehnt, mal respektiert, irgendwie nie wirklich geliebt.
Der Repräsentant der Schweizer Juden, ab 1949 Rechtsberater Israels in der Schweiz – blieb einer breiten Öffentlichkeit unbekannt. Das ist bezeichnend. Trotz allen Bemühungen, trotz den furchtbaren historischen Ereignissen, die Attitüde «der Jude als der Fremde» blieb lange bestehen und gilt teilweise vielleicht heute noch.

Hannah Einhaus legt eine umfassende Biografie Brunschvigs vor, die historische Arbeit ist detalliert recherchiert und dokumentiert. Gleichwohl bleibt es eine journalistische Arbeit und damit überaus leserfreundlich. Sie hat viele Zeitzeugen und Experten zu Rate gezogen, dies wohl auch, weil nach 1945 die Fachliteratur in der Schweiz nur sehr spärlich vorhanden ist. Ihre wichtigste Zeugin ist Odette Brunschvig, die Witwe des Protagonisten. Die bald 100-jährige ist eine Entdeckung und hätte eine eigene Hommage verdient.

Hannah Einhaus bietet einen spannenden historischen Abriss. Sie führt einem die alten Zeiten vor Augen, als ein Anwalt noch persönlich bei einem Bundesrat um das Bleiberecht für Flüchtlinge bitten konnte. Spannend, bisweilen wie im Krimi, lesen sich die Ereignisse zu den verschiedenen Prozessen, die Brunschvig geführt hat. Einhaus kann erzählen und sie bleibt nicht neutral oder kühl. Sie verbirgt ihre Sympathie für Brunschvig in keiner Zeile. Das ist denn auch die grosse Stärke des Buches. Das Ringen um Recht, Würde und Gleichstellung, der Kampf gegen Diskriminierung, das Streben nach Gerechtigkeit und Menschlichkeit des Berner Anwalts Georges Brunschvig hat unsere Sympathie verdient. Ein wichtiges Buch, ein aktuelles Buch!

Andreas Krummenacher

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18. Mai 2016
erstellt von «pfarrblatt»
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