Daniel Kehlmann: Tyll, Rowohlt-Verlag 2017, 473 Seiten, 32.50 Fr.

Buchbesprechung - Tyll

Zerstörerisches wird frei, wenn scheinbar friedliche Menschen dazu gebracht werden, angestaute Aggressionen, Neid und Hass nach aussen zu kehren. Im Kleinen wie im Grossen.

Düster ist der Roman und verworren wie der 30-jährige Krieg, in dem die Handlung angesetzt ist. Doch ist es fesselnd, die ständige Gratwanderung zu verfolgen, auf welcher verschiedenste Persönlichkeiten unterwegs sind. Auf der Suche, im Kampf oder auf der Flucht.
Fast zwingend will man nach der Lektüre wissen, welche Fakten historisch verbürgt sind und welche Fiktion.

Ein (Lebens-)Weg schlängelt sich in dieser Epoche durch Okkultismus und Inquisition, durch Exkremente, Feuer, durch dunkle Wälder voller Dickicht und Geistwesen, durch wechselnde Fronten, Hunger, Pest … Voraussetzung zu überleben, geschweige denn Ziele verfolgen zu können, ist die Fähigkeit, Balance zu halten. Fehltritte können schnell tödlich enden.
Wie beim Jonglieren ist es existenziell zu wissen, wann man an etwas festhalten darf und wann man loslassen sollte.

Tyll Ulenspiegel, der, nachdem sein Vater als Hexer verurteilt worden war, fliehen musste, beherrscht beides perfekt. Unwirklich leicht taucht er irgendwo auf und verschwindet ebenso plötzlich immer dann, wenn es wirklich brenzlig wird. Wie er unterwegs sind beispielsweise die Jesuiten-Gelehrten Tesimond und Kirchner, der Schriftsteller von Wolkenstein, Schweden-König Gustav Adolf, Elizabeth, die «Winterkönigin», und ihr Gemahl Friedrich V., durch dessen Krönung der Krieg einstmals ausgelöst wurde.

Ihre Triebkräfte sind so unterschiedlich wie der Schein, den sie jeweils aufrechterhalten, wie die Ängste und Skrupel, von denen sie heimgesucht werden. Als Gaukler und Hofnarr kreuzt Tyll in verschachtelten Zeitebenen alle Wege und verwebt die Schicksale miteinander. Dass er selbst eigentlich in ein anderes Jahrhundert gehört, unterstreicht gekonnt die frustrierende Tatsache, dass Balancieren und Jonglieren und all das menschliche Theater zeitlos sind.

Andrea Huwyler

Daniel Kehlmann: Tyll, Rowohlt-Verlag 2017, 473 Seiten, 32.50 Fr.

22. November 2017
erstellt von «pfarrblatt»
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