P. Andreas Batlogg SJ. Foto: Josef Wabinski, wikimedia

Buchtipp: Das Leben leise wieder lernen

Ein Herbsttag wie aus dem Bilderbuch und doch kein Tag wie jeder andere im September 2017, sondern einer, der scharf die Zeit in ein Davor und ein Danach teilt. Denn der Jesuit P. Andreas Batlogg (*1962), seit 17 Jahren bei den «Stimmen der Zeit», der ältesten Kulturzeitschrift Deutschlands, tätig und von 2009 bis 2017 deren Chefredakteur, erhält die Diagnose Darmkrebs.

Und noch immer ist der Himmel über München blau, aber der Sturm im Inneren gross. Er solle alle Termine und Vorhaben aufgeben, sagte der Arzt. Dabei stand eine berufliche Auszeit bevor mit Aufenthalten in den USA und in Israel, zudem warteten Buchprojekte und Vortragsverpflichtungen.

Nun legt Andreas Batlogg ein Buch vor, das die Zeit von der Diagnose über Chemotherapie, Bestrahlung und mehrere Operationen bis zum vorläufigen Abschluss der Behandlungen schildert. Der sinnreiche Titel «Durchkreuzt» erhellt die doppelte Konsequenz des medizinischen Befunds: vorerst den jähen Verzicht auf Pläne, darüber hinaus die Auseinandersetzung mit dem Glauben.

Daher reiht sich dieses Buch nicht in die sattsam bekannte Ratgeberliteratur ein, sondern behauptet einen eigenen Platz, spricht mit eigener Stimme. Hier meldet sich nicht der Prediger von St. Michael, dem Barockjuwel in der Münchner Innenstadt, sondern ein verletzter und verletzbarer Mensch, der seine Wunden offenlegt. Bestürzend ehrlich bekennt er sich zu Zweifel und Verzweiflung, zum schwierigen Umgang mit einem versehrten Körper, der nun alle Zeit und Kraft beansprucht. Jene Fragen, die nach einer schlimmen Diagnose aufsteigen, stürzen auch über ihn herein: Warum gerade ich, warum gerade jetzt?

Der befreundete Arzt sagte zu Andreas Batlogg: «Ich bin jetzt dein Bruder, ich bin für dich da.» Diese Worte trugen den Patienten durch die kommenden Monate, und immer mehr erkannte er in ihnen jene Aussage, die auch für Jesus und seine Nähe galt. Der zentrale Satz lässt sich aber noch in eine andere Richtung ausweiten: Dank der radikalen Schlichtheit und Echtheit lässt das Buch einen hohen Identifikationsgrad zu, sodass der Leser im Autor seinen Bruder erkennen wird – zweifelnd und hoffend wie er, ausgeliefert und machtlos.

Denn Andreas Batlogg wehrt sich entschieden gegen eine vorschnelle Trostrhetorik voller falscher Sätze, gegen frommes Geblöke. Er, der Karl-Rahner-Spezialist, beruft sich auf den Religionsphilosophen, wonach der fragende Glaube der wahre Glaube sei. Kritisch unterzieht er auch seine eigenen «Phrasen» einer Prüfung, denn er hat nun erfahren, dass ihn Gesten – eine liebevolle Hand, eine Umarmung – mehr trösten als Worte.

So wird dieses substanzreiche Buch, nahrhaft wie Brot, zum Überlebensmittel für alle, die nach einem Wort von Nelly Sachs das Leben wieder leise lernen müssen. Ein persönliches Bekenntnis: Ich würde es zu den drei Büchern legen, die man auf die abgeschiedene Insel mitnimmt.

Beatrice Eichmann-Leutenegger

Hinweis: Andreas R. Batlogg, Durchkreuzt. Mein Leben mit der Diagnose Krebs. Tyrolia-Verlag: Innsbruck 2019, 194 S.

20. März 2019
erstellt von «pfarrblatt» Nr. 7
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