Buchtipp: David Sedaris, Calypso

Ein Gästezimmer ist bei David Sedaris immer frei – überhaupt ein Gästezimmer zu besitzen ist schliesslich eines der wenigen Vorteile des Älterwerdens, findet er. Und so, als ob man bei ihm zu Gast wäre, sei es in seinem Haus in Sussex, oder seinem Ferienhaus an der Küste North Carolinas – teilt er mit den Lesenden seine Geschichten.

Und er ist sicher ein kurioser Gastgeber, aber so humorvoll, dass man ihm gerne überallhin folgt. Auf seinen Spaziergängen, wo ihn seine Fitbit zu immer höheren Leistungen anspornt (30’000 Schritte? Das ist ja gar nichts!), beziehungsweise in das Loch, in das er fällt, als die Uhr den Geist aufgibt – denn was hat es für einen Sinn, sich zu bewegen, wenn das nicht aufgezeichnet wird? Oder auf seinen Shopping-Expeditionen in Tokyo, wo er mit seinen Schwestern ganz gezielt in einem bestimmten Laden sehr teure Kleider kauft, die für Uneingeweihte eher so aussehen, als ob er ein Hemd als Hose angezogen hätte.

Dann ist da noch die Familie, die in immer wechselnden Konstellationen (fünf Geschwister mit deren aktuellen Familie oder Anhang) im Ferienhaus zusammenkommt und für viel komische Situationen sorgt, aber auch für stille Momente, in denen etwa die Sedaris-Geschwister realisieren, dass sie die Alkoholsucht der verstorbenen Mutter eigentlich schon lange erkannt hatten, aber doch nie anzusprechen wagten. So reihen sich Anekdoten und Erinnerungen aneinander, die ernsteren Themen geben uns immer wieder Zeit, die Bauchmuskeln zu relaxen, bevor wir wieder laut herauslachen müssen - bei David Sedaris würde ich mich auf jeden Fall gerne mal selbst einladen.

Sabrina Durante


David Sedaris, Calypso.
Blessing-Verlag 2018 (gebundene Ausgabe). Aus dem Englischen von Georg Deggerich. ISBN: 978-3-89667-635-1

21. Februar 2020
erstellt von «pfarrblatt» online
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