Buchtipp: Ian McEwan, Maschinen wie ich

Eine Welt im Jahr 1982, wie sie auch hätte sein können, menschliche und künstliche Intelligenz auf der Waagschale, moralische und philosophische Fragen, die sich nicht leicht beantworten lassen.

«Darf ich mich vorstellen? Adam, ein Android, Roboter in Menschengestalt mit sehr fortgeschrittener Intelligenz. Von meiner Sorte gibt es 13, dazu 12 Evas, unsere weiblichen Pendants. Mein Charakter? Ruhig, nachdenklich, eine Stärke für Logik. Was den Rest betrifft, so haben mein Besitzer und Freund Charlie und seine Freundin Miranda abwechslungsweise einige Eigenschaften definiert, wie sie mich haben wollten, und hier bin ich nun. Am Anfang mache ich nur den Abwasch und jäte den Garten, dann merkt Charlie, dass ich viel besser und schneller bin als er, wenn es um Online-Trading geht. Wo er normalerweise einen ganzen Tag vor dem Computer hindümpelt, um am Ende zwischen 30 und 100 Pfund Gewinn zu machen, erkenne ich Abweichungen in Sekundenbruchteile und kann diese zu unseren Gunsten ausnützen. Ich lerne jeden Tag mehr über Menschen, verliebe mich sogar – ich sage nicht, in wen, aber es entsteht dadurch eine schwierige Situation zuhause. Als wir alle zusammen Mirandas Vater besuchen, hält er Charlie für den Roboter!

Entwickelt hat mich Alan Turing, der Pionier der Computerwissenschaft und künstlicher Intelligenz, der bereits im 2. Weltkrieg die berüchtigte deutsche ‹Enigma›-Codierungsmaschine knackte. Ah, ja, er ist nicht wie in euer Welt 1954 gestorben, sondern ein aktives und geschätztes Mitglied der englischen Wissenschaft. Wir schreiben übrigens das Jahr 1982, Grossbritannien hat den Falkland-Krieg verloren und Miss Thatcher wird gerade von der Labour-Partei bedrängt.

Meine künstliche Intelligenz hilft mir allerdings nicht, mit diesen unlogischen, paradoxen Wesen umzugehen, die die Welt bevölkern, und die nicht unmissverständlich sagen können, was richtig ist und was nicht. Notlügen und Kompromisse, das leuchtet mir nicht ein. Und ja, es kommt wohl nicht ganz so heraus, wie es sich Charlie gedacht hatte. Wir sind alle serienmässig mit einem Not-Ausschaltknopf ausgestattet. Ich habe meinen deaktiviert. Andere, vor allem Evas, sind so an der Welt verzweifelt, dass sie sich selber in einen Koma-ähnlichen Zustand versetzen. Ich habe andere Pläne. Aber um diese herauszufinden, müsst Ihr schon selbst das Buch in die Hand nehmen.»

Sabrina Durante


Ian McEwan, Maschinen wie ich. Diogenes Verlag, 22.5.2019 (gebundene Ausgabe). Aus dem Englischen übersetzt durch Bernhard Robben. ISBN: 978-3-257-07068-2.

 

 

15. Januar 2020
erstellt von «pfarrblatt» online
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