Der Zirkuspfarrer arbeitet bei einem Gottesdienst in der Manege auch mit Tieren. Foto: zVg

Adrian Bolzern feiert in der Manege des Zirkus Stey Gottesdienst. Foto: zVg

Zirkuspfarrer mit Clown. Foto: zVg

«Chöubibueb» mit göttlicher Mission

Adrian Bolzern predigt auf Sägespäne, statt auf steinernem Kirchenboden. Wir fragten den Schweizer Circuspfarrer, inwieweit sich seine Gemeinde von herkömmlichen unterscheidet und was er an seinem Beruf liebt.


     Interview: Christina Burghagen


Christina Burghagen: Herr Bolzern, sie sind über den dritten Bildungsweg vor sechs Jahren zum Priester geweiht worden. Seit 2013 bekleiden sie das Amt des Circus-Schausteller- und Markthändler- Seelsorger. Wie kam es dazu?

Adrian Bolzern: Ich kannte meinen Vorgänger in der Circusseelsorge Ernst Heller schon, weil er mit meinem Vater Theologie studierte. Er bekam mit, dass ich Priester werde, und hat mich einfach angefragt. Ich war dann einen halben Tag bei ihm und er erklärte mir das Aufgabenfeld des Circuspfarrers. Zwei Nächte habe ich darüber geschlafen – und dann zugesagt.

Haben Sie schon als Kind davon geträumt zum Zirkus zu gehen?

Ich war schon immer fasziniert vom Circus und der Chilbi. Doch ich hätte nicht im Traum daran gedacht, dass ich diese tolle Aufgabe einmal ausfüllen darf. Mein Vater nannte mich immer „Chöubibueb“ und jetzt bin ich wirklich einer – in göttlicher Mission!

Was unterscheidet ihr Amt von einer üblichen Pfarrstelle?

Der deutlichste Unterschied ist, dass ich zu den Leuten gehe, und sie nicht zu mir kommen. So feiern wir Taufen, Hochzeiten und Gottesdienste auf Chilbiplätzen und im Circuszelt. Auch kommt man auf der Chilbi und im Circus mit frommen Sprüchen nicht weit. Es ist also eine richtige „Geh-hin Kirche“ für mich!

Segnen Sie auch Tiere und Zelte?

Ja! Das gehört dazu. Den Menschen auf der Chilbi, den Märkten und im Circus ist der Segen sehr wichtig – für ein neues Zelt, eine neue Bahn oder für Tiere und Menschen.

Sie sind in der ganzen Schweiz unterwegs. Wie viele Kilometer kommen übers Jahr zusammen?

Letztes Jahr bin ich 45.000 Km gefahren.

Wie viele Vorstellungen haben Sie schon gesehen?

Das kann ich so nicht sagen. Es sind aber sehr viele. Ich gehe an jede Premiere unserer Circusbetriebe und besuche auch mal eine Vorstellung im Ausland. Ganz speziell sind immer die Tage in Monaco beim Internationalen Circusfestival.

Würden Sie sagen, dass ihr zu betreuender Personenkreis besonders gläubig ist?

Ich sage gerne: Die Circusleute, die Schausteller und Markthändler sind nicht gläubiger, aber auch nicht ungläubiger als andere Menschen. Was bei Ihnen speziell ist: Sie sind stets auf das Wetter angewiesen, für das sie auch beten, denn davon hängt ab, ob die Geschäfte gut laufen.

Die Haltung von Wildtieren wird in der Bevölkerung immer wieder stark kritisiert. Wie stehen Sie dazu?

Als Pfarrer der Circusleute muss ich mich mit ihnen solidarisieren und dies fällt mir auch nicht schwer. Denn den Tieren im Circus geht es gut. Davon kann und konnte ich mich immer wieder überzeugen. Es tut mir weh zu sehen, wie den Circusbetrieben das Leben schwer gemacht wird!

Ergeben sich aus der „rastlosen“ Lebensweise von Schaustellern besondere Probleme, die Sie als Seelsorger aufzufangen suchen? Womit kämpfen Menschen, die keinen räumlichen Lebensmittelpunkt haben?

Sie haben die gleichen Fragen wie die anderen Menschen. Doch spüre ich eine grössere Sorge um die Zukunft, denn sie fragen sich: Was macht die Digitalisierung mit dem Markt, mit der Chilbi und dem Circus? Wichtig scheint mir auch, dass sowohl die Circusleute, als auch die Schausteller ein Winterquartier haben und dies natürlich ihr Zuhause ist.

Haben Sie schon mal einer Artistin oder einem Artisten geraten aus dem Beruf auszusteigen, weil er krank oder unglücklich machte?

Nein. Ich versuche aber immer den Menschen Mut und Hoffnung zu geben. Die meisten Artisten lieben ihren Beruf. Es ist eine Berufung! Natürlich kommen gewisse Artisten an ihre körperlichen Grenzen. Wenn es dann aber nicht mehr geht, finden sie meist eine andere Aufgabe im Circus.

Wie müssen wir uns einen Gottesdienst in der Manege vorstellen? Alles genauso wie in der Kirche? Haben Sie einen zusammenklappbaren Altar?

Einen Gottesdienst in der Manege hat den Vorteil, dass ich mit allerhand Gegenständen und auch Tieren arbeiten kann. Letztens hatte ich eine Harley in der Manege und verglich die Kirche mit diesem Motorrad. Ich arbeite auch oft mit Lichteffekten, die eine ganz besondere Atmosphäre zaubern. Am 8. Juli 2018 findet in Luzern auf der Allmend im Circus Knie wieder ein Gottesdienst statt - kommen Sie doch vorbei und erleben Sie es selbst?!

Gab es auch schon gefährliche oder unangenehme Momente? Etwa mit Tieren? Brüllende Löwen? Spuckende Lamas?

Natürlich gab es die. Nicht mit Tieren. Sondern, wenn ein Artist sich verletzt, das passierte zum Beispiel vor rund drei Jahren im Circus Nock, oder letztes Jahr im Circus Knie. Das sind unschöne Momente. Umso erleichtert sind wir alle, wenn Artistin oder Artist sich wieder erholt. Ansonsten sind die Menschen zu mir sehr wohlwollend, und ich bin überall willkommen. Es freut mich sehr geschätzt und gebraucht zu werden.

In welcher Rolle sehen Sie sich in ihrem Amt als Circuspfarrer? Glauben Sie, dass Sie mehr gebraucht werden als in einer „normalen“ Gemeinde?

Das ist eine schwierige Frage! Ich werde zu den verschiedensten Angelegenheiten gerufen. Da die Gemeinde nicht so gross ist und ich viele sehr gut kenne, bin ich vielleicht näher an den Menschen dran, als in einer normalen Pfarrei. So treffe ich viele auch privat, und nicht nur dienstlich. Was sicher anders ist, als in der Pfarrei: Ich erreiche ganz viele Menschen, welche ich im Rahmen der Pfarrei nie erreichen würde. Durch meine Stelle, welche übrigens durch die Philipp-Neri Stiftung getragen wird, kann ich vielen Menschen zeigen, dass Kirche auch so sein kann!

 


Hinweise

Adrian Bolzern (*1979 im «Schwarzbubenland»). Zunächst Lehre als Landschaftsgärtner, später Katechet und Jugendarbeiter, auf dem 3. Bildungsweg Theologiestudium in Luzern. Am 22. April, 12.15, wird Adian Bolzern den Bellis Mini-Freizeitpark in Roggwil (Mange 7) segnen und einen Gottesdienst feiern.
Adrian Bolzerns persönliche Homepage
Homepage der angesprochenen Philipp Neri Stiftung

18. April 2018
erstellt von «pfarrblatt»
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