Oberflächenbehandlung. Die Veränderungen aber müssen wohl tiefer gehen. Desinfektion eines Marktes in Sofia, Bulgarien. Foto: iStock, Radila Radilova

Corona – eine Folge ökologischer Veränderungen?

Die Coronapandemie kann auch als Folge der vielfältigen ökologischen Veränderungen unserer Umwelt angesehen werden. Klimawandel, Luft- und Gewässerverschmutzung, Monokulturen, zunehmende Bevölkerungsdichte und die enge Käfighaltung von Tieren schaffen ein Umfeld, das die Entwicklung von Mikroben aller Art begünstigt.

Von Heinz Wanner*

Es gibt negative Ereignisse, beispielsweise im politischen, militärischen oder wirtschaftlichen Bereich, die kompliziert ineinander verwoben sind und zusammenwirken. Oft wird dann von einer sogenannten Verbundkrise gesprochen. Solche Krisen haben die Eigenschaft, dass sich diese negativen Gegebenheiten anhäufen, zu unberechenbaren Folgewirkungen führen und nur schwer zu meistern sind. Angesichts der vertrackten gegenwärtigen Coronakrise stellt sich die Frage, ob es sich dabei um eine ökologische Verbundkrise handelt. Dabei könnte die Pandemie als ein «End-of-Pipe-Phänomen» aufgefasst werden, ein nachgelagertes Phänomen also am Ende einer langen Wirkungskette, die schliesslich die Entwicklung von Bakterien, Viren und anderen Mikroben stark begünstigt hat.

Moderner Klimawandel

Die industrielle Revolution und die Nutzung fossiler Brennstoffe haben zur Luftverschmutzung und modernem Klimawandel mit Erwärmung, Wasserverknappung und Waldbränden beigetragen. Durch die zunehmende Überbevölkerung hat sich die Belastung des globalen Ökosystems zusätzlich zugespitzt. Hinzu kommt das unkontrollierte Anwachsen der Stoffkreisläufe in Wasser und Boden mit Pestiziden und Plastikrückständen. Um die Versorgung der stark wachsenden Bevölkerung sicherzustellen, werden auf riesigen Bodenflächen die immer gleichen Pflanzenarten, mit steigendem Düngereinsatz angebaut. Damit ist eine Abnahme der biologischen Vielfalt verbunden, was wiederum bei Belastungen und Erkrankungen beim Menschen eine Rolle spielen dürfte.

Dichtestress – und Mikroben leben auf

Auf den Märkten vieler grosser Metropolitanregionen mit extremer Bevölkerungsdichte wird eine breite Palette von Tierarten feilgeboten. Diese Tiere werden unter höchst problematischen hygienischen Verhältnissen in engen Käfigen gehalten und damit einem gewaltigen Stress ausgesetzt. Auch wenn die Mechanismen schwer zu ergründen sind, muss davon ausgegangen werden, dass ein solches Umfeld äusserst günstige Voraussetzungen für die Entwicklung von Mikroben aller Art schafft. Wenn Viren dann in äusserst dicht besiedelten Gebieten mutieren und auf den Menschen überspringen, schafft die gewaltige Mobilität der Gegenwart günstigste Voraussetzungen für deren rasche und effiziente Verbreitung. Parties, Sport- und Musikanlässe sowie Ansammlungen in grossen Restaurants sorgen dann für eine optimale Streuung der Viren.

Mobilität als Epidemieträger

Der beobachtete Mechanismus der Coronakrise ist in dieser Form nicht völlig neu. Unter anderem die frühen Pestepidemien bieten besten Anschauungsunterricht, auch wenn die Eigenschaften der damaligen Erreger nicht in allen Details bekannt sind. Die Justinianische Pest brach zur Zeit des oströmischen Kaisers Justinian (527-565) aus und verbreitete sich in Vorderasien, im gesamten Mittelmeerraum sowie in Nord- und Nordwesteuropa. Die als Schwarzer Tod bezeichnete gewaltige Pandemie, die in Europa zwischen 1346 und 1353 wahrscheinlich etwa 25 Mio. Todesopfer forderte, trat ebenfalls zuerst in Zentralasien aus und verbreitete sich wahrscheinlich über Rattenflöhe via Seidenstrasse und Schiffsverkehr über ganz Europa. Bekannt ist die Tatsache, dass die Mongolen bei ihrer Belagerung der genuesischen Hafenstadt Kaffa auf der Krim Pestleichen über die Stadtmauer katapultierten, wodurch sich die Seuche ausbreiten und nach Europa verschleppt werden konnte.

Krisen hängen zusammen

Die vielen angelaufenen medizinischen Studien befassen sich intensiv mit einer genauen Analyse der modernen Coronapandemie, verbunden mit einem Grosseinsatz zur Entwicklung von Abwehrmassnahmen aller Art. Die chemische Industrie ist aufgerufen, diese Einsätze auch mit eigenen Ressourcen zu unterstützen. Gleichzeitig müssen Politik und Wirtschaft hinterfragen, ob die bisher getroffenen Massnahmen ausreichen und auch in Zukunft geeignet sind, einer derartigen Pandemie zu begegnen. Dabei müsste zusätzlich die Frage gestellt werden, ob die Coronaepidemie als Folge einer ökologischen Verbundkrise betrachtet werden muss. Falls ja, werden noch viel grössere Anstrengungen notwendig sein, um diese zu beheben.

*Heinz Wanner war von 1988 bis 2010 Professor am Geografischen Institut der Universität Bern und Gründungspräsident des Oeschger-Zentrums für Klimaforschung der Berner Universität. Er leitete von 2001 bis 2007 den Nationalen Forschungsschwerpunkt Klima der Schweiz, war Co-Vorsitzender des internationalen Past Global Changes Programmes PAGES und bis 2015 Mitglied des UNO-Klimarates IPCC.

 

Redaktionell bearbeiteter (kr) Zweitabdruck (u.a. INFOsperber, Mitteilungen Deutsche Meteorologische Gesellschaft, Zeitschrift Albert Schweizer

7. April 2021
erstellt von «pfarrblatt»
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