Alles richtig gemacht. Bischof Felix Gmür (links) und Karl-Martin Wyss, Präsident des Kleinen Kirchenrates der Katholischen Kirche Region Bern. Foto: kr

Corona-Million zeigt Wirkung

Mit einer Million Franken hat die Katholische Kirche Region Bern Menschen in der Pandemie unterstützt. Von Obdachlosigkeit und Armut Betroffene, Menschen am Rand, aber auch Jugendliche. An einer Bilanz-Medienkonferenz laufen kritische Fragen ins Leere. Auch Bischof Felix Gmür äussert sich positiv zur geleisteten Hilfe.

Von Andreas Krummenacher

Der erste Lockdown wurde im März 2020 quasi über Nacht verkündet. Wir erinnern uns an die Szenerie. Menschenleere Strassen, hin und wieder ein einsames Tram, alle blieben wir in unseren Wohnungen.

Karl-Martin Wyss, oberster Repräsentant der Katholischen Kirche Region Bern, realisierte, dass auch sämtliche Einrichtungen, Treffpunkte oder Aufenthaltsräume für all die Menschen am Rand geschlossen waren. Wo also halten sich diese Menschen auf, woher haben sie ihr Essen, wo können sie ihren Frust abladen?

In kürzester Zeit trommelte er die Verantwortlichen Spezialist*innen der katholischen Kirche zusammen, eine Woche später sei die Million gesprochen worden (das «pfarrblatt» berichtete).

Geld bekommen

20 soziale Institutionen in Bern habe man seither mit Geld bedacht. Von der Gassenarbeit über Telefonberatung, das Frauenhaus oder Sport- und Jugendorganisationen. Dank dem Geld der Kirche, so Mathias Arbogast, Leiter der Fachstelle für Sozialarbeit, konnten viele dieser Institutionen ihr Angebot aufrecht erhalten und die Nothilfe verstärken.

Die Medienkonferenz vom 23. Juni dazu fand im Restaurant 44 statt, ein Projekt von «Wohnenbern», einem Verein für von Obdachlosigkeit betroffenen Menschen. In der Küche des Restaurants wurden, von der katholischen Kirche finanziert, während des Lockdowns Tausende von warmen Mahlzeiten zubereitet und an Menschen verteilt, die von Obdachlosigkeit bedroht sind. Bei Hunderten von Leuten in Stadt und Region konnte auch durch gezielt abgegebene Einkaufsgutscheine die Grundversorgung sichergestellt werden.

Gründliche Bedarfserhebung

Wie aber wurde das Geld verteilt? Nach dem Giesskannenprinzip? Mitnichten, entgegnete Mathias Arbogast auf die Frage des «pfarrblatt». Man habe zunächst eine «gründliche Bedarfserhebung» gemacht. Dabei seien Zielgruppen definiert worden: Menschen am Rand mit Suchtproblemen oder Obdachlose, Sexarbeiterinnen, Sans-Papiers, belastete Familien, Menschen in akuten Krisensituationen und Jugendliche.

Anschliessend habe man Hilfsmöglichkeiten definiert, im Vordergrund sei dabei die konkrete Grundversorgung mit Nahrungsmitteln und medizinischer Behandlung gestanden.

Die Frage nach der Kontrolle

Man habe für all die Gelder mit anerkannten Fachstellen zusammengearbeitet, so Mathias Arbogast. Leistungsvereinbarungen seien geschlossen worden, die Kontrolle sei dabei immer klar definiert gewesen. Man habe Schlussberichte eingefordert und anhand der Vorgaben in den Vereinbarungen die Kontrolle durchführen können.

Hätte der Staat das nicht alles selbst besser gekonnt?, wollte ein Journalist wissen. Die Sozialvorsteherin der Katholischen Kirche Region Bern, Monika Moritz, entgegnete: «Wir sind in der sozialen Arbeit im regelmässigen Austausch mit den kantonalen Institutionen. Wir suchen die Zusammenarbeit. Wir sind vor Ort, bei den Hilfesuchenden. Wir können sehr schnell den Anstoss für konkrete Projekte geben, deren Wichtigkeit dann der Kanton, die Stadt erkennen und ebenfalls unterstützen oder weiterführen. Die Gassenarbeit hat überhaupt erst mit der kirchlichen Gassenarbeit begonnen. Die Kirche muss oft einspringen, weil sich der Staat zurückzieht. Die Kirchen nehmen hier eine wichtige Rolle ein.»

Mathias Arbogast ergänzte, dass die Kirche da helfen könne, wo es der Staat nicht oder nicht mehr kann. Er erwähnt Sans-Papiers, also Menschen ohne Papiere. Hier habe der Staat keine Grundlagen, um zu helfen. Das sei auch bei Sexarbeiterinnen so. Hier könne die Kirche schnell und unbürokratisch reagieren.

Für Bischof Felix Gmür, der ebenfalls an der Medienkonferenz teilnahm, ist klar, dass der Staat gar nicht alles machen könne. «Es gibt in der Kirche viele Menschen, welche die Fühler ausgestreckt haben und schnell erkennen, wo es Not gibt. In der Regel kann dann die Kirche auch schneller reagieren. Die gesetzlichen Grundlagen müssen nicht zuerst mühsam erarbeitet werden. In der Diakonie müssen wir genau dort hinschauen, wo der Staat langsam ist oder gar nicht hinkommt und helfen kann.»

Überhaupt die Diakonie. Die Hilfeleistung für Notleidende sei ein wichtiger Pfeiler der kirchlichen Mission. Er sei der Katholischen Kirche der Region Bern dankbar für diese «wirkungsvolle Hilfe».

Zum Schluss wies der Bischof darauf hin, dass die Kirche nicht in Konkurrenz zum Staat stehe. Sie sei auch nicht Lückenbüsserin. «Wir machen das, was wir können und für dringlich halten. Wir unterstützen die Gesellschaft, wir gehen hinaus zu den Menschen. Vergessen wir nicht, dass Armut in der Schweiz kein Randphänomen ist.»

PR-Aktion der Kirche?

Auf die «pfarrblatt»-Frage wieso man das initiiert habe, ob es um eine PR-Aktion der katholischen Kirche gegangen sei, entgegnete Karl-Martin Wyss: «Durch die Umstände der Pandemie haben wir gemerkt, dass wir als Kirche gefordert sind. Es gibt Notlagen. Wir müssen schnell und unbürokratisch helfen. Es war und ist für uns eine Herzensangelegenheit. Wir konnten Menschen und Familien eine Stimme und ein Gesicht geben, die sonst kaum sichtbar sind. Das steht für uns alle im Zentrum – die Hilfe für die Menschen!»

Monika Moritz erläutert, dass es für die Katholische Kirche Region Bern keine einmalige Einzelaktion gewesen sei. Im normalen Tagesgeschäft gebe die Kirche regelmässig einen Viertel des Budgets für soziale Aufgaben aus: «Ein besonderes Augenmerk gilt jenen, die in Not oder davon bedroht sind, sozial, gesundheitlich und finanziell durch die bestehenden sozialen Maschen zu fallen.» 2020 waren es insgesamt acht Millionen Franken.

Mehr zum Thema: Dossier zum Corona-Hilfspaket der Kommunikationsstelle der Katholischen Kirche Region Bern

 

 

23. Juni 2021
erstellt von «pfarrblatt»
  • Pfarrblatt / Angelus