Dankbarkeit für das Leben

In meinem Leben gab es ein ganz bestimmtes Jahr, ein «grün leuchtendes Jahr», das ich nie vergessen werde. Es war äusserlich gesehen kein spektakuläres Jahr, doch ein inniges Jahr, durchdrungen von Dankbarkeit für das Leben, ein glückliches Jahr, in dem ich als glaubender Mensch mit der Christusbotschaft im Herzen mein Menschsein in der Natur neu erlebte. 

Die Botschaft vom Kreuz und der Auferstehung Jesu Christi – die Botschaft der Erlösung aus Schuld und der Befreiung von den Fesseln des Todes – und die Wahrnehmung der Natur waren auf einmal nicht mehr zwei verschiedene Bereiche, sondern sie fanden eine Verbindung in der Dankbarkeit für das Leben. Wie oft sagte ich in diesem «grün leuchtenden Jahr» mit wem auch immer ich unterwegs war: «Schau, wie intensiv das Grün der Wiesen leuchtet. – Schau dort die hellgrünen, im Sonnenlicht durchsichtigen Buchenblätter. – Schau die warm schimmernden Grüntöne des Mooses an, das den Waldboden bedeckt.» Eine Bekräftigung meines Eindrucks bekam ich eigentlich nie, bis mir einmal jemand lächelnd antwortete: «Ich glaube, nur du siehst zurzeit das Grün so leuchten.»

 Diese Antwort brachte mich zum Nachdenken. Denn mir ging’s wirklich so, als saugte ich das Grün der Vegetation mit meinen Augen und Sinnen auf wie Lebenssäfte. Und ich  dachte bei mir, dass ich wohl gerade eine grüne Phase erlebe. Das Empfinden von Farben, verschieden je nach Stimmung und Lebensalter, ist ja eine urmenschliche Erfahrung. Auch bei den Malern lassen sich Farbphasen ihres Schaffens erkennen. In meiner grünen Phase jedenfalls begann ich zu empfinden, was in der Theologie Neuschöpfung in Christus genannt wird, das Neuwerden des Menschen und der ganzen Kreatur.

 Das österliche Licht, das Licht des Auferstandenen, in dem der Mensch die neue Schöpfung erahnend empfinden kann, leuchtet friedvoll und weckt grosse Dankbarkeit. Es scheint meist in unerwarteten Momenten auf und Glückseligkeit ist’s, wenn es sich in feierlicher Schlichtheit ausbreitet, sei es in einem ockergelb innigen Gespräch wie Brot, so richtig auf Du und Du, sei es wie Morgenrot an einem Krankenbett, sei es im lichten Grün der Natur oder im Nachtblau des Abendgebets – das Christuslicht leuchtet unauslöschlich.

 Das «Jahr des lichten Grüns» führte mich später zum grünen Christusfenster von Marc Chagall im Chorraum des Fraumünsters in Zürich. In der Mitte des Chorfensterzyklus ragt es, umgeben vom Blau, Gelb und Rot der umrahmenden Chorfenster, grün leuchtend hoch empor – oben Christus, der Gekreuzigte, der Auferstandene auf dem Gipfel der Schöpfung, der Erhöhte, der alles Werden der Welt und alles Leben wie die Ernte ins Licht einbringt. 

Antonie Aebersold (1952) Theologin, Gemeindeleiterin in St. Mauritius Frutigen. Autorenportraits

5. April 2012