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«Dann geht es Ihnen garantiert wieder besser»

Wie hältst du das nur aus? Es braucht oft längere Gespräche, um zu erklären, was ich beruflich mache. Vor allem die nächtlichen Pikettdienste und die Nähe zu Tod, Leid und Schmerz provozieren dann diese Frage: Wie hältst du das nur aus? Ja, wie denn?

Herr K. hatte Hirnblutungen und diverse Komplikationen. Er ist ein «légume», ein Gemüse, wie der frankofone Volksmund unzimperlich sagt. Er hat alles Lernen wieder vor sich: Gehen, Sprechen, Handeln, Schreiben, Lesen, Rechnen. Wenn Lernen überhaupt wieder gehen wird. Möchte er lieber tot sein? Wie ist das morgen oder übermorgen, wenn sich Bewusstseinsteile zurückmelden: Ist das auszuhalten?

Frau M. hat mir kürzlich ihre tiefsitzende Angst vor einer bevorstehenden Untersuchung geschildert. Schrecklich. Sie erklärte mir aber auch, wie sie es durchgestanden hat: «Ich habe meine Wanderschuhe angezogen und eine Bergtour gemacht.» Das hat sie sich so stark vorgestellt, dass sie ihre Ängste nicht mehr erreichten.

Oder das Ehepaar mit seinem sterbenden Neugeborenen. Traurig, kaum zum Aushalten. Sie kamen zur gefühlsmässigen Einsicht, es sei jetzt, unter den gegebenen Umständen richtig, ihr kleines Kind gehen zu lassen. Trotzdem, so ihre Überzeugung, trotzdem würde es Teil ihrer Lebensgeschichte bleiben.

So ist das Leben. Manchmal auszuhalten und manchmal nicht. Und wenn es nicht auszuhalten ist, wird es meist trotzdem ausgehalten. Ich lerne stets neu, wie das gehen kann.

Herr P. steht immer hinter der farbig frischen Salatauslage im Personalrestaurant. Stand dahinter. Nach dreissig Jahren ist er nun pensioniert. Zum Abschied sagte er meiner Kollegin und mir, wenn es einmal nicht zum Aushalten sei, sollten wir an ihn und sein Salatbuffet denken – «dann geht es Ihnen garantiert wieder besser».

Nadja Zereik

Kolumnen aus der Inselspitalseelsorge im Überblick

30. Oktober 2019
erstellt von «pfarrblatt» Nr. 23
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