Ernesto Cardenal freut sich an den kleinen Bären im Berner Bärengraben, 18. Juli 1978 (vorne die Spanischlehrerin Paulette Maurer, die als Übersetzerin den Besuch begleitete). Foto: © Jürg Zürcher

Das Büsi

Jürg Zürcher erinnert mit einer persönlichen Erinnerung an den verstorbenen Poeten und Priester Ernesto Cardenal (1925-2020), der 1978 Bern besuchte.


1978 – Es ist heiss. Ernesto Cardenal sitzt neben mir im Auto. Wir fahren durch das sommerliche Bern. Unsere Gespräche vorhin, beim Mittagessen im Rosengarten, kreisten natürlich um das Volk von Nicaragua. Welcher Weg tut sich auf, jetzt, im Sommer 1978? Dauert die Unterdrückung an unter der Herrschaft der Somoza-Familie? Schliesst sich die bürgerliche Opposition wirklich zusammen mit den sandinistischen Guerilleros, wie es Ernesto erhofft? Sieht er, der vor ein paar Monaten aus seinem geliebten Solentiname ins Exil flüchtete, die Aussicht auf einen Umsturz – «Revolución» sagen die Südamerikaner – nicht zu optimistisch? Im Auto ist es heiss. Ein beissender Geruch reizt unsere Nasen.

Ich entschuldige mich:
- Daran ist meine Katze schuld. Ich brachte sie gestern zum Tierarzt.

Ernesto ist erstaunt: - Deine Katze? Was fehlte ihr denn?

- Ich liess sie kastrieren. Sie kann bei mir keine Jungen haben.

- Aha – du hast zu wenig Platz!
- Nein, daran fehlt es nicht. Aber im ganzen Haus liegen Spannteppiche – und du weisst ja, bei jungen Katzen...

- Mhm! Wer hat denn ein solches Haus gebaut?

- Die Kirchgemeinde, in der ich als Pfarrer arbeite.

- Aha, du arbeitest in einer Kirche, die es wichtig findet, solche Häuser zu bauen. Du findest, das passt zu einer Kirche, die sich am Evangelium orientiert. Aha – ...

1984 – sechs Jahre später. Mein «Büsi» von damals lebt nicht mehr. Deutlicher als mir manchmal lieb ist, steht Ernestos freundliches Nachfragen plötzlich wieder vor mir. Wirke ich in einer Kirche, die sich am Evangelium orientiert? In einer Kirche, die zum Leben verhilft, zu menschlichem Leben in seiner ganzen Breite und Tiefe?
...

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Fakten und Gedanken

Unter dem Titel «Tagebuchnotizen: Ernesto, mein ‹Büsi› und die Berner Kirche» erschien der obenstehende Text im September 1984 in der Zeitschrift «LG – Leben und Glauben». Er ergänzte meinen Artikel «Bauern malen das Evangelium – Christliche Volkskunst und festliche Bilder».

Im Sommer 1984 war es mir gelungen, die naiven Malereien aus Solentiname* in die Schweiz zu holen. Die Ausstellung im ‹Chleehus› in Bern bildete den Start für eine Präsentation an mehr als fünfzig Orten, bevor die Bilder über Deutschland wieder nach Nicaragua zurückkehrten.


Das Auto-Gespräch mit Ernesto Cardenal fand während eines Begegnungs-Tags in Bern statt. Zusammen mit Peter Braunschweig von der Fachstelle OeME (Oekumene-Mission-Entwicklung) der Berner Kirche hatten wir an jenem Tag eine Reihe von Treffen organisiert. Cardenal kam so ins Gespräch mit Interessierten aus kirchlichen und entwicklungspolitischen Kreisen sowie mit Vertretern der politischen Behörden (EDA).

Die skeptischen Beamten liessen ihren Zweifel an einem bald bevorstehenden Umsturz recht deutlich durchblicken. 1979 wurde der Diktator Somoza gestürzt. Als Minister der Sandinistischen Regierung liess sich Ernesto Cardenal zu Lesungen im Ausland nur von Personen einladen, die ihn bereits vor der ‹Revolución› unterstützt hatten.


                                                            Bild aus Solentiname. Der Kreuzweg. Bild: © Jürg Zürcher

 

*Eine Inselgruppe im Nicaraguasee. Auf einer dieser Inseln gründete Ernesto Cardenal klosterähnliche christliche Genossenschaft. Das Buch «Das Evangelium der Bauern von Solentiname» machte die Genossenschaft in Europa bekannt. Später kam ein künstlerisches Sozialprojekt hinzu, das bis heute besteht.

30. März 2020
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