Claire Renggli. Foto: zVg

Das Konzil als Befreiung - Claire Renggli-Enderle

Rufen wir uns die ausgehenden 50er Jahre in Erinnerung. Es war die Zeit, als bürgerliche Frauen bei der Heirat ihre Berufstätigkeit aufgaben, Herrenbesuche auf dem Zimmer verboten waren und ledige Mütter stigmatisiert wurden. Und Papst Johannes XXIII. die Kirche überraschend zur Erneuerung aufrief.

Für Claire Renggli waren das Konzil und sein Geist entscheidend für ihr späteres kirchliches und zivilgesellschaftliches Engagement in der internationalen katholischen Pfadibewegung und im Schweizerischen Katholischen Frauenbund (SKF) auf nationaler und europäischer Ebene. Als junge Frau weilte die St. Gallerin als Bibliothekarin im Schweizer Institut in Rom.

Gegenüber Kathrin Winzeler vom SKF erinnert sich Claire Renggli: «Die Ankündigung des Konzils war für die ganze Christenheit, wie wenn ein Fenster geöffnet würde. Ich erlebte 1965 Rom während der letzten Session, besuchte Vorträge wichtiger Theologen wie Hans Küng, Karl Rahner oder Pedro Arrupe, feierte den Abschlussgottesdienst mit. Vorher war der Glaube für mich Pflichterfüllung gewesen und mit vielen Ängsten verbunden; jetzt wurde er zu etwas, das Vertrauen gibt. Ich fühlte mich befreit.» Auf die Frage, was das Konzil denn geändert hat, antwortet Renggli: «Mit dem Konzil öffnete sich die katholische Kirche zur Welt hin, die Menschen sollten als getaufte Christinnen und Christen in der Welt gerecht und barmherzig handeln, mit andern Menschen zusammen. Neu wurde das eigene Gewissen zur letzten Instanz für jeden Menschen erklärt. Das bedeutete Unabhängigkeit – und Verantwortung. Die Kirche hat sich damals buchstäblich gewendet: Die Liturgie wurde neu zur Gemeinde hin und in der Volkssprache abgehalten. Frauen hielten Einzug in den Gottesdienst.

Obwohl Papst Johannes XXIII. die Emanzipation der Frau als Zeichen der Zeit gedeutet hatte, blieb die Frauenfrage beim Konzil ausgeklammert. Das Gleichstellungspostulat fiel in ein politisches und gesellschaftliches Vakuum.»

Trotz der päpstlichen Zeitdiagnose war eine Teilnahme der Frauen zu Beginn des Konzils nicht vorgesehen. Doch schon nach der ersten Generalversammlung der 2700 Bischöfe und Kardinäle wurde das Fehlen der Frauen von einigen angemahnt. So stellte der Melchitische Erzbischof Georges Hakim von Galiläa kritisch fest: «There is no mention at all of women in the Schema on the Church. Do we not often make declarations as if women did not exist at all in the world?» (Eckholt, S. 35) Es war dann der ehemalige Vorsitzende der italienischen azione cattolica Vittorio Veronese, selbst Gast der zweiten Sitzungsperiode, der vorschlug, bei weiteren Einladungen verschiedene Weltregionen und Milieus zu berücksichtigen und «die unersetzbare Kooperation von seitens der Frauen» (ebd., S. 36) zu bedenken. Im September 1964 berief Papst Paul VI. fünfzehn Laienauditorinnen (Hörerinnen) zur dritten von vier Sitzungsperioden. 1965 waren es insgesamt 23 Frauen, vor allem Ordensfrauen und einige Präsidentinnen von katholischen Frauenorganisationen, die am Geschehen des Konzils teilnahmen. Eine direkte Mitsprache an den Sitzungen war ihnen verwehrt, doch in Unterkommissionen und Arbeitskreisen arbeiteten sie Verbesserungsvorschläge aus. 1964, so erinnert die theologische Kommission des KDFB, «glaubte man noch, die Präsenz der Auditorinnen reglementieren zu müssen: ‹Die Auditorinnen können jene Konzilsarbeiten verfolgen, die hinsichtlich der Debatten ihren Aktivitäten, Studien und Lebensformen am meisten entsprechen› ist die offiziöse Auskunft der Civiltà Cattolica (…) Sr. Mary Luke Tobin hat die entsprechende Schlussfolgerung gezogen: ‹Dann kann ich an allen teilnehmen›.» (Die Tür ist geöffnet, S. 19)

Angela Büchel Sladkovic

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21. Januar 2016
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