«Das Leid nicht übersehen, sondern es verarbeiten.» Foto: ricardoreitmeyer, fotolia

Das Leid nicht übersehen

Wort zum Karfreitag am 4. April: Kreuzesnachfolge – richtig verstanden. Nicht ein blutrünstiger Gott wollte den Tod Jesu, sondern selbstsüchtige Menschen.


«Wer mir nachfolgen will, nehme sein Kreuz auf sich» (Matthäus 10,38). Manche haben ihre Schwierigkeiten mit dieser Aufforderung, weil sie von unerleuchteten Predigern allzu häufig dazu angehalten wurden, das Kreuz zu suchen. Solch selbstquälerisches Verhalten jedoch hat nichts mit dem Glauben zu tun, sondern fällt in den Kompetenzbereich der Psychologinnen und Psychotherapeuten. Worin aber besteht eine recht interpretierte und richtig praktizierte Kreuzesnachfolge?

Kreuzesnachfolge bedeutet erstens: nicht bloss Wunden verbinden, sondern Wunden verhindern. Eben dies nämlich ist der Grund, warum Jesus sterben «musste». Jesus hat das Kreuz nicht gesucht; er hat «nur» das Leid bekämpft. Er ist seiner Sendung treu geblieben, obwohl er sich ausrechnen konnte, dass er so sein Leben riskierte. Er hat sich auf die Seite der Benachteiligten gestellt, Verzweifelten Mut gemacht und sich mit Menschen an denselben Tisch gesetzt, die man als von Gott verstossen betrachtete. Damit provozierte er die religiösen Führer und gefährdete deren Position. Deshalb, und nicht weil ein blutrünstiger Gott das wollte, haben diese ihn beseitigt. Wer immer sich mit Jesus auf den Weg macht, gerät unweigerlich in Konflikt mit jenen, denen nicht das Wohl der Mitmenschen, sondern einzig der eigene Vorteil am Herzen liegt.

Kreuzesnachfolge meint zweitens: das Leid nicht übersehen, sondern es verarbeiten. Gemeint ist jenes Leid, das uns persönlich zu schaffen macht: eine schlimme Vergangenheit, Schuld, die Erfahrung von Versagen und Erbärmlichkeit. Häufig sind wir dann versucht, Unangenehmes aus dem Bewusstsein zu verdrängen. In diesem Zusammenhang meint Kreuzesnachfolge: aufarbeiten, was uns bedrückt und beschwert, uns damit auseinandersetzen, in unseren Gedanken, im Gespräch mit befreundeten Menschen, im Angesicht Gottes. Es ist dies ein äusserst schmerzlicher Prozess, religiös gesprochen: ein Kreuz, das uns auferlegt ist. Ein solcher Kreuzweg aber, der sich über Jahre hin erstrecken kann, führt zu einem erlösten und befreiten Menschsein.

Kreuzesnachfolge bedeutet drittens: Leid und Leiden ertragen. Gemeint ist ausschliesslich jenes Leid, das man nicht mehr bekämpfen kann, weil es unsere Kräfte übersteigt – beispielsweise eine unheilbare Krankheit, eine ausweglose Situation, der Tod eines geliebten Menschen … Solche Erfahrungen bilden den Ernstfall des Glaubens.

In Zeiten, da wir fast zusammenbrechen unter dem Kreuz, tragen wir wohl schwer an unserem Glauben. Aber vielleicht durften wir schon einmal erfahren, dass gerade dann der Glaube uns trägt.

Josef Imbach

Der Theologe Josef Imbach ist Verfasser zahlreicher Bücher. Er unterrichtet an der Seniorenuniversität Luzern und ist in der Erwachsenenbildung und in der praktischen Seelsorge tätig.

25. März 2015