Dominik Nanzer arbeitet an «Shir Hashirim» – «Das Lied der Lieder», dessen Uraufführung am Samstag, 18. April, im Rahmen von «Cantars 15» in der Berner Dreifaltigkeitskirche stattfindet.

Das Liebeslied

Alles andere als langweilig ist die Bibel. Sogar ein sehr erotisches Liebeslied hat Platz in ihr: das «Shir Hashirim», das «Lied der Lieder». Und ein Berner Musiker hat sich neu an diesen Text gewagt: Dominik Nanzer, Chorleiter in Köniz und Münchenbuchsee.

Am Cantars 15, dem Kirchenklangfestival im kommenden Jahr, wird Nanzers «Shir Hashirim» vom Berner Gabrieli-Chor uraufgeführt werden. Man sieht ihm die Freude an, wenn er darüber redet und noch mehr, wenn er (nur schon für ein Foto) im Raum steht, mit seiner Partitur in der Hand den imaginären Chor dirigiert: Dominik Nanzer und sein «Hohes Lied der Liebe», das am Cantars 2015 in Bern zur Uraufführung gelangen wird. Es ist die Freude über seinen Weg mit dem biblischen Text, den er schon seit langem gegangen ist. Immer wieder hätte er angefangen, aber seit rund einem Jahr sei er intensiv an der Arbeit gewesen.

«Ich greife Bestehendes neu auf»
Wenn Nanzer komponiert, dann will er das nicht einfach ins Blaue hinaus. Ihm muss beim Komponieren ein Adressat vorschweben oder vorliegen. «Dieser Chor setzt mein Werk einmal um, er hat diese Möglichkeiten und diese Grenzen», so kann er sich auf einen Prozess einlassen. «Ich lehne mich gerne an Bestehendem an und greife das neu auf.» Konkret sagt Nanzer: «Es gibt nichts Schöneres, als einstimmige gregorianische Melodien in 4- bis 8-stimmige Chöre umzusetzen!». Diesem Ansatz ist er bei der Komposition seines «Hohen Liedes» denn auch gefolgt. Eine Sängerin und ein Sänger, der Chor: «Ich bin fasziniert davon, dass so ein Text in der Bibel, im Alten Testament steht!», sagt er und weist darauf hin: «Für mich ist das ganz klar ein Liebeslied zwischen zwei Menschen.»

Meditativ mit «Powerstellen»
Das Werk – die Proben mit dem Berner Gabrieli- Chor begannen Mitte November – sei sehr meditativ gehalten, sagt Nanzer. Aber es habe auch einige «Powerstellen», wie Nanzer sie nennt: «Stark wie der Tod ist die Liebe, die Leidenschaft ist hart wie die Unterwelt. Ihre Gluten sind Feuergluten, gewaltige Flammen. Auch mächtige Wasser können die Liebe nicht löschen; auch Ströme schwemmen sie nicht weg», zitiert Nanzer den eindrücklichen biblischen Text. Noch eine weitere Ebene hat Nanzer in seine vielschichtige Komposition einfliessen lassen: «Das Lied ist ja in einer orientalischen Umwelt entstanden, wie alle Texte unserer Bibel. Darum finden sich auch ‹orientalisch-improvisierende› Melodien in meiner Komposition.»

Eine dritte Dimension mit dem Saxophon
Nanzer hat aber nicht den biblischen Text als Grundlage für seine Komposition genommen, sondern eine Übertragung von Josef Dirnbeck, die den dialogischen Aspekt des biblischen Textes deutlich herausarbeitet – zwischen Frau und Mann, oder zwischen den Menschen und Gott. Denn es gibt auch viele Menschen, die in diesem biblischen Text eine «Liebesbeziehung» zwischen Gott und den Menschen sehen. Das steht für Nanzer selber nicht im Vordergrund, jedoch hat er sich ihm auch nicht verschlossen: ein Saxophon («ein sehr erotisches Instrument!») nimmt diese Dimension auf und setzt wunderbare Kontraste. Gregorianik, Musik aus dem Orient, Saxophon für einen biblisch-erotisch-spirituellen Text – und all das komponiert im 21. Jahrhundert. Da braut sich etwas sehr Spannendes zusammen. Noch tönt das «Shir Hashirim», das «Lied der Lieder» nur in Nanzers Kopf. In diesen Tagen werden sich die Sänger und Sängerinnen des Berner Gabrieli-Chors, zu denen Nanzer selber gehört, mit dem Stück auseinandersetzen. Am 18. April des laufenden Jahres ertönt es im Rahmen des Cantars 2015 in der Berner Dreifaltigkeitskirche zum ersten Mal. Und Nanzers Freude wird via die Sänger und Sängerinnen auf die Zuhörenden überspringen.

Text und Foto: Ludwig Spirig-Huber, Bern

Cantars 2015
Unter dem Label «cantars – kirchenklangfest 2015» findet in den Kantonen AG, BE, BS/BL, FR, GR, LU, SG, SH, SO, SZ, TG, VS und ZH eine weitere Ausgabe von cantars statt. Zwischen Mitte März und Anfang Juni 2015 wird an 36 Austragungsorten Kirchenkultur in breiter Ausprägung dargeboten. An jedem Anlass finden zwischen 12.00 und 24.00 12 Veranstaltungen von je 40 Minuten statt.
Das Kirchenklangfest cantars wird ökumenisch durchgeführt, d.h. es werden röm.- kath., evang.-ref., christkath. und interreligiöse Programmpunkte präsentiert. cantars 2015 ist ein breit angelegtes Kirchenfest, welches Brücken innerhalb der Religionen, der Kirchen, der Kulturen und der Generationen schlägt. Über 10 000 Menschen jeden Alters werden sich für cantars 2015 engagieren.

Infos: www.cantars.org

21. Januar 2015