«Da muss die Kirche etwas machen». Dominique Reymond. Fotos: Sebastian Schafer

«Da muss die Kirche etwas machen». Dominique Reymond. Fotos: Sebastian Schafer

«Da muss die Kirche etwas machen». Dominique Reymond. Fotos: Sebastian Schafer

«Dein Leben ist endlich, lebe doch endlich!»

Dominique Reymond, reformiert getauft, 1959 in Biel geboren, 2014 in Dachau katholisch gefirmt, sorgte im Grossen Kirchenrat der katholischen Kirche Region Bern mit einem Postulat für einen kräftigen Ausbau der Sozialhilfe. Was bewog ihn dazu? Einblick in eine Lebensüberzeugung.

«pfarrblatt»: Was ist für Sie die wichtigste Aufgabe der Kirche?

Dominique Reymond:
Das Wort Jesu verkündigen, das heisst für mich konkret die Nächstenliebe zu leben und den Bedürftigsten zu helfen. Das ist für mich die grosse Botschaft der christlichen Welt.

Was war der Grund für Ihr Postulat, das die Sozialhilfe ausbauen will?

Konkret sind zwei Gründe verantwortlich dafür. 2016 und 2017 gab es grosse Diskussionen in Stadt und Kanton Bern über die geplanten Kürzungen der Sozialhilfe. Der Staat muss sparen und macht das bei den Bedürftigsten. Da wurde mir unwohl dabei. Ich habe mich mit einigen Sozialarbeitenden in Kontakt gesetzt um herauszufinden, welche Konsequenzen die Kürzungen haben. Sie sagten mir, es sei jetzt schon schwierig, es werde aber nun noch schlimmer. Statt die Bedürftigen zu begleiten und zu beraten, müssen diese jetzt überall Geld sammeln. Die Zeit für die Begleitung und Beratung fehlt. Der zweite Grund: Im April 2017 legte der Kleine Kirchenrat den Rechenschaftsbericht 16 vor. Darin stand, dass die katholische Kirche in Bern das soziale Engagement stärken wolle, indem 50’000 Franken ausgeschüttet werden, und eine Arbeitsgruppe eingesetzt werde, um Vorschläge zu erarbeiten. Ich fand das viel zu wenig. Unsere Kirche ist eine reiche Kirche. Für die Immobilien gibt man jährlich Millionen aus, für die Ärmsten müsste deshalb mehr drinliegen. Es gibt ja in unserer reichen Gesellschaft Menschen, die furchtbaren Existenzängste haben, die um jeden Rappen kämpfen müssen, da muss die Kirche etwas machen.

Versuchten Sie Verbündete im Rat zu finden?

Ich hatte keine Mühe Verbündete zu finden, begegnete aber Gegenargumenten: «wir müssen sorgfältig planen, wir müssen nachhaltig investieren, wir wollen kein Giesskannenprinzip. Und was, wenn die Lage einmal schlechter wird?» Diese Haltung fand ich viel zu defensiv, übervorsichtig. Da kam mir das Gleichnis des reichen Jünglings in den Sinn, der Jesus fragt, was er machen soll, um ins Reich Gottes zu kommen. Jesus antwortet ihm «verkaufe, was du hast, und gib's den Armen und folge mir nach!». Der Jüngling denkt an sein vieles Geld und seine Abhängigkeiten und er geht traurig weg. Ich dachte dann: Sind wir als Kirche daran, uns von Jesus abzuwenden, nur weil wir viel Geld haben und werden zu einer traurigen Kirche wie der Jüngling? Da dachte ich, ich muss jetzt etwas machen, Pfarrer Schaller von der Berner Dreifaltigkeitspfarrei unterstützte mich dabei. Ich reichte daraufhin mein Postulat ein.

Was fordern Sie in Ihrem Postulat?

Den Kleinen Kirchenrat lud ich ein, regelmässig und konkret über die Umsetzung seines Legislaturziels 2015 – 2018 zu informieren. Das Legislaturziel heisst: «Die Glaubwürdigkeit der römisch-katholischen Kirche Region Bern mit diakonischem Auftrag zu stärken». Das soll nicht mit der Legislatur 2018 enden, sondern weitergehen. Die Exekutive, so mein Postulat weiter, solle konkrete Ideen zur Umsetzung dem Grossen Rat vorlegen und eine Berichterstattung einführen, die auch in den folgenden Legislaturen einmal jährlich aufzeigt, was im diakonischen Bereich getan wird.

Sind Sie zufrieden mit dieser Antwort?

Die Grundrichtung ist gut. Es gibt aber noch viel zu tun. Das Geld wird über drei sogenannte Töpfe ausgeschüttet. Topf eins als direkte Hilfe vor Ort, Topf zwei als indirekte Hilfe über Institutionen und Topf drei über Projekte der Pastoral und der Kirchgemeinden. Mit dem Geld in Topf eins ist es wie mit der Witwe von Naim. Jesus sieht, dass diese Frau völlig verloren ist. Ihr Mann und ihr Sohn sind gestorben. Jesus hat Mitleid mit ihr und sagt zum Sohn, steh auf und geh zu deiner Mutter – das ist die direkte Hilfe. Die kirchlichen Sozialarbeiterinnen haben dazu viele konkrete Beispiele. Da ist zum Beispiel eine 84jährige, alleinstehende Frau die eine neue Zahnprothese dringend braucht. Kosten 1500 Franken, die sie sich mit ihrem Einkommen nicht leisten kann. Die Behörden verlangen einen Kostenvoranschlag; es kann bis zu drei Wochen dauern. Aber diese Frau getraut sich nicht mehr, auszugehen, einzukaufen oder mit Freunden und Freundinnen auszutauschen: hier muss man schnell helfen. Das Geld kriegen wir ja später zurück.

Trotzdem haben Sie weitere Forderungen

Ich habe drei Erwartungen: Wenn in einem Topf noch Geld ist, nicht eingesetzt werden kann, soll es über die zwei anderen Töpfe eingesetzt werden. Zweitens: dieses Engagement muss in der nächsten Legislatur weitergeführt werden und drittens: möchte ich nicht, dass man Ende Jahr sagt, wir hätten zu wenig Anfragen für die Verwendung der Gelder bekommen. Die Kirche muss hinaus gehen zu den Bedürftigen, wir müssen eine dienende Kirche sein, die alle willkommen heisst.

Wie soll die Kirche das machen?

Es gibt viele Möglichkeiten. Über die Medien wie das «pfarrblatt» über die neuen Möglichkeiten aktiv informieren und über die Kommunikationsdienste, über den Ausbau der sozialen Medien. Als Bezugsperson der Dreif zu einem Altersheim erlebe ich wie das «pfarrblatt» dort gern gelesen wird. Im Bus sehe ich ständig Menschen, die sich über die digitalen Medien informieren, da müssen wir dabei sein. Wir müssen zudem auch die neuen und guten Projekte unterstützen, die überall entstehen im sozialen Bereich, auch ausserhalb der Kirche. Ich denke an Projekte für Arbeitslose, für Alleinerziehende. Caritas weist nach, dass 80% der erwerbstätigen Sozialhilfebezüger alleinerziehende Mütter sind. Es geht nicht nur um die katholischen Mitchristen. Eine schöne geputzte Kirche nützt nichts, wir müssen zu den Leuten gehen. Menschen haben teilweise das Vertrauen in die Kirche verloren, sie kommen nicht mehr in die Kirche, also müssen wir hinaus zu ihnen. Lieber eine Kirche mit ein paar Hypotheken belasten, als die Leute leiden zu lassen. Die Antwort auf das Postulat brachte vier positive Punkte.

Die sind?

Erstens: Exekutive und Legislative waren einstimmig der Meinung, dass wir in der Sozialhilfe aktiver sein müssen. Zweitens: es wurde rasch gehandelt. Drittens: auch für die nächste Legislatur sind die 15% gesichert. Und viertens: wir haben ein kräftiges, tätiges Zeichen für die Bedürftigsten der Region gesetzt. Wir sollen den Staat nicht ersetzen; Art. 12 der Bundesverfassung sagt ja «Wer in Not gerät und nicht in der Lage ist, für sich zu sorgen, hat Anspruch auf Hilfe und Betreuung und auf die Mittel, die für ein menschenwürdiges Dasein unerlässlich sind.“ Die Kirche erfüllt hier mit Demut aber ohne Scheu ihren Auftrag einer dienenden Kirche. Dienend heisst auch Vorurteile bekämpfen, Sozialhilfebezüger seien nur Schmarotzer: 30% der Bezüger von Sozialhilfe sind Kinder und Jugendliche. Es gibt Missbräuche, sicher. Aber wir sollten fair und menschlich bleiben.

Was treibt Sie an, wie sind sie kirchlich sozialisiert?

Ich wuchs in Biel auf, war zwar reformiert getauft, hatte aber mit der Kirche nichts zu tun. Ich arbeitete zuerst als Bundeshausjournalist, dann bei Wirtschaftsverbänden in Zürich und Genf, engagierte mich zehn Jahre in der Politik in Lausanne, anschliessend im Generalstab und bei der Bundesanwaltschaft, bevor ich vier Jahre mit Carla del Ponte für die Kriegsverbrechertribunale der UNO für Ex-Jugoslawien und für Ruanda tätig war. Als ich Mitte dreissig war, starben nicht nur meine Eltern aber auch Freundinnen und Freunde; auch später bei der UNO, wie oft habe ich nach Gott gerufen, wo bist du? Wie ist dieses Leid möglich? Ohne je eine Antwort zu hören…

Diese Erfahrungen führten Sie in eine persönliche Krise?

Nein, eher in eine Art Resignation: Ob Gott existiert oder nicht, werde ich erst nach meinem Tod wissen… Und dann, am 4. Dezember 2011, sass ich vor dem Fernseher, im Bayrischen Fernsehen gab es den Sonntagsstammtisch. Da war der Abtprimas der Benediktiner Notker Wolf. Er trank sein Weissbier und sagte: «Dein Leben ist endlich, lebe doch endlich!» Ich war damals 52 Jahre alt. Diese Bemerkung löste in mir die Frage aus, was habe ich eigentlich aus meinem Leben gemacht? Die Aufgaben am Kriegsverbrechertribunal waren vorbei, ich arbeitete wieder in der Bundesverwaltung, hatte eine Ausbildung als Polizeioffizier hinter mir und übte nun eine spannende Aufgabe. Alles sinnvoll. Und doch beschäftigte mich die Frage nach dem eigentlichen Sinn meines Lebens zunehmend.

Die Frage liess Sie nicht mehr los?

Die ganze Weihnachtszeit 2011 habe ich über diese Frage nachgedacht. Ich hatte damals keine Ahnung von den Benediktinern, kannte den Abtprimas Notker Wolf (noch) nicht, recherchierte und beschloss das Kloster St. Ottilien im Bayerischen, dem Notker Wolf 16 Jahre lang vorstand, zu besuchen. Auf der Fahrt dorthin machte ich einen Abstecher nach Dachau. Ich kannte Lager in Ex-Jugoslawien, insbesondere in Srebrenica; ich machte dann Halt im Karmel Heilig Blut, ganz am Ende der Gedenkstätte. Tags darauf spürte ich einen Ruf, ich müsse nochmals dorthin fahren, zu Maria, zur Mutter Gottes aus dem Priesterblock des KZ Dachau. Ich fuhr also hin, blieb eine Zeitlang bei ihr und als ich aus der Kirche kam, begegnete mir eine Klosterschwester. Sie kam zu mir, gab mir die Hand, grüsste mich und sagte mir: «Wir kennen uns!». Ich war etwas amüsiert und wir sprachen über den Alltag dort. Am Schluss stellte sie sich vor: «Ich bin Schwester Elija» und fügte hinzu «und Sie sind Dominique». Nun war ich verblüfft. Warum kannte sie meinen Namen? Sie lachte: «Gestern las eine Mitschwester die Fürbittezettel, die man durch die Mauer in der Kirche werfen kann, vor. Da waren ihre Worte mit der Unterschrift Dominique, und ich wusste gleich, die sind vom Mann mit dem blauen Hemd. Und nun sind Sie wieder da. Ich musste Sie einfach ansprechen». Ich fuhr darauf nicht mehr nach St. Ottilien, sondern etwas verwirrt nach Bern zurück.

Was geschah danach in Bern?

Immer mehr spürte ich, wie ich wenig über Gott und Maria wusste, wie viel ich lernen sollte, möchte. Das Buch vom Papst Benedikt XVI. «Die Heilige Schrift, Meditationen zur Bibel» hat mir damals sehr geholfen. Am Aschermittwoch 2012 fühlte ich das Bedürfnis, an einem Gottesdienst teilzunehmen und besuchte spontan die Kirche am Rathausplatz. Am nächsten Tag sagte mir ein Kollege aus dem Wallis, ich sei bei den «falschen» gewesen, nicht bei den Katholiken, sondern bei den Christkatholiken. Am Sonntag darauf probierte ich es also in der Dreifaltigkeitskirche. Und am Ostersonntag 2012, sowohl bei der Paroisse wie bei der Dreif, wurde mir plötzlich physisch und seelisch klar, die katholische Gemeinschaft ist meine neue Familie. Ich schrieb dem damaligen Pfarrer Chèvre, ich wollte der Kirche beitreten und aktiv mitmachen, bekam aber keine Antwort. Nach drei Wochen entdeckte ich im Internet einen Artikel von Weihbischof Theurillat, der über die Laien in der Kirche schrieb. Auch ihm schrieb ich einen Brief, bekam aber keine Antwort. Da ich die Kommunion mit gutem Gewissen empfangen wollte, teilte ich der Gesamtkirchgemeinde Bern Anfang Mai 2012, dass ich ab den 17. Mai, also zur Auffahrt, Mitglied sein werde, mit Kopien an die Steuer- und Einwohnerämter der Stadt Bern. Darauf bekam ich für den 5. Juli 2012 eine Einladung von Pfarrer Chèvre zu einem Gespräch. So begann mein Engagement in der katholischen Kirche Bern. Auf Empfehlung vom Pfarrer Christian Schaller wurde ich am 11. Juni 2014 im Karmel Heilig Blut in Dachau gefirmt. Die Firmpatin war Schwester Elija. Die ganze Schwestergemeinschaft war dabei. Firmspender war der Benediktiner Alt-Abt Odilo Lechner, der Beichtvater der Schwestern seit der Gründung des Karmels.

Dass Sie auf ihre Briefe an Chèvre und Theurillat zuerst keine Antwort bekommen haben, hat Sie das enttäuscht?

(Zögert, überlegt) Nun, ich war ungeduldig. Jedes Mal hatte ich eine prompte Antwort erwartet. Dann lernte ich - auch dank P. Hans Schaller, der mich geistlich begleitet hatte und mit dem ich in Kontakt geblieben bin - etwas Geduld und gewann die Einsicht, dass nicht alles so kommen muss, wie man sich es vorstellt. Aber man muss auch etwas hartnäckig sein. Ich studierte dann Theologie im Fernkurs in Würzburg, absolvierte Fortbildungskurse (klinische Seelsorge-Ausbildung, Palliative Care für Seelsorgende, Altenseelsorge, Notfallseelsorge und Seelsorge für Einsatzkräfte) im Erzbistum München-Freising und wurde zum Gestalt- und Pastoralberater im Bistum Regensburg graduiert.

Sie haben von der katholischen Gemeinschaft als von Ihrer Familie gesprochen. Haben Sie diese Familie gefunden?

(Überlegt) Ich bin viel offener geworden. Wie in einer leiblichen Familie kann man sich auch in der Kirche die Mitglieder der Familie nicht aussuchen. Wenn ich Besuche im Spital mache, oder in einem Altersheim, kann ich mir zum Glück die Leute auch nicht auslesen. Ich nehme die Menschen so an, wie sie sind. Und wie oft bin ich dann der Beschenkte! Ja, in diesem Sinne habe ich meine Familie gefunden.

Interview Jürg Meienberg

18. Juni 2018
erstellt von «pfarrblatt» online
  • Pfarrblatt / Angelus