«Wir wollen Netzwerke, die auch in einer Krise wie dem Sterben funktionieren», sagt Stadtpräsident Alec von Graffenried.

Den Tod zu einem Teil des Lebens machen

Die Stadt Bern hat eine Charta zum Lebensende lanciert. Stadtpräsident Alec von Graffenried erklärt, weshalb wir mehr über den Tod reden sollten.

Autorin: Sylvia Stam

«pfarrblatt»: Warum setzt sich die Stadt Bern besonders für das Thema Tod und Sterben ein?

Alec von Graffenried: Sterben und Tod sind in unserem hochentwickelten Gesundheitswesen zu einem technischen Akt geworden Der persönliche Umgang mit den Betroffenen und Angehörigen, der in diesen Zeiten so wichtig ist, kommt deshalb zu kurz. Wir möchten den Tod wieder zu einem Teil des Lebens machen. Die Begrenztheit unserer Existenz ist uns nie so präsent, wie wenn wir mit dem Sterben konfrontiert sind.

Wir sollen also mehr über Sterben und Tod sprechen?

Ja. Rückzug und Überforderung sind eine häufige Reaktion auf das Sterben. Das ist das Gegenteil dessen, was Sterbende und Angehörige in diesem Moment brauchen, nämlich Zuwendung. Es ist wichtig, dieses Wissen zu vermitteln. Ich kenne auch Menschen, die nach dem Tod von Eltern oder Geschwistern noch offene Fragen hatten. Sie bedauern es, diese nicht rechtzeitig angesprochen zu haben.

In der Charta heisst es, es brauche eine Kultur des «Füreinander Daseins». Wie lässt sich eine solche von aussen aufbauen?

Das geht nicht nur mit der Charta, sie ist nur ein Teil des Inklusionsprozesses. Wir wollen aktive Nachbarschaften und Netzwerke, die auch in einer Krise wie dem Sterben funktionieren. Es gibt viele Organisationen, die sich mit dem Tod auseinandersetzen: Die Kirchen, Medizinisches Personal, Palliative-Stationen, Psycholog*innen etc. Diese bekannt zu machen, ist das Anliegen der Charta. Ich wusste zum Beispiel nicht, dass es in Bern ein Death-Café gibt, wo man sich austauschen kann über das Sterben und den Tod, ohne selbst direkt oder indirekt betroffen zu sein. Solche Angebote würden auf der Website von «Bärn treit» aufgeführt.

Welche Rolle spielen die Kirchen in diesem Prozess?

Die Kirchen haben viel Erfahrung in Bestattungs- und Abschiedsritualen. Viele auch kirchenferne Menschen kommen beim Thema Tod auf die Kirchen zurück, weil es wenig Alternativangebote gibt. Hier haben die Kirchen die Chance, auf die geänderten Bedürfnisse von Angehörigen einzugehen. Die Kirchen sind zudem wichtige Schnittstellen, weil sie viele Kontakte und Angebote kennen und diese miteinander verknüpfen können.

«Die Kirchen, die von Anfang an in den Prozess involviert waren, wollen sich noch stärker als Ansprechpartner positionieren», sagt Barbara Petersen, Fachmitarbeiterin Palliative Care der Katholischen Kirche Region Bern. «Wir sind nicht nur für die Krankensalbung und Abdankung da, sondern wir unterstützen die betroffenen Menschen aller Altersklassen und ihre Angehörigen während des Sterbeprozesses, beispielsweise durch Beratung durch kirchliche Sozialarbeitende, bei Trauergesprächen durch Zeit zum Zuhören». Um ihr Angebot bekannt zu machen, sind die Kirchen in Kontakt mit externen Organisationen wie Heimen und Spitex, sie bieten eine Veranstaltungsserie zum Thema Palliative Care, Kurse in Letzter Hilfe an und planen weitere Informations- und Vernetzungsanlässe. (sys)

Die Berner Charta ist als Prozess angelegt. Was für Veranstaltungen sind geplant?

In den nächsten Jahren wollen wir das Thema jeweils rund um den 1. November erneut ins Gespräch bringen. Da können wir von der katholischen Kirche lernen. Wir möchten diesem Tag wieder Leben einhauchen und dabei auch Erfahrungen aus anderen Kulturen aufnehmen. Ich denke an den Dia de los Muertos aus Mexiko, eine fröhliche, lebenszugewandte Spielart von Allerheiligen. An diesem Fest verkleiden sich Kinder, dabei dreht sich aber alles um das Thema Tod. So kann man Kindern und auch Erwachsenen auf spielerische Art und Weise einen Zugang zu einem nicht ganz leichten Thema eröffnen.

Was geschieht jetzt schon?

Die Arbeitsgruppe «Bärn treit» ist daran, verschiedene Netzwerke in den Bereichen Bekannte/Nachbarn, Schule, Arbeitgeber, Gesundheitswesen, Kultur sowie Religion/Spiritualität aufzubauen. Sie werden im Umgang mit den schwierigen Themen Sterben, Tod und Trauer unterstützt und miteinander vernetzt. Viele weitere Angebote wurden bereits gemeldet, diese Community möchten wir stärken.


Berner Charta für ein würdevolles Lebensende

Die Berner Charta für ein gemeinsam getragenes Lebensende ist am 2. November unter der Schirmherrschaft von Stadtpräsident Alec von Graffenried lanciert worden. Zu den Initiant*innen gehören das Palliative Zentrum des Inselspitals, der Verein Palliative Bern, die drei Berner Landeskirchen, die Berner Fachhochschule für Soziale Arbeit, eine Trauerbegleiterin sowie das Kompetenzzentrum Alter der Stadt Bern. Die Charta orientiert sich an dem vor allem im angelsächsischen Raum verbreiteten Modell der «Compassionate Cities», der «mitfühlenden Städte». Diese verfolgen das Ziel, durch das Engagement der Bürger sowie Netzwerken von Freiwilligen eine Kultur der Sorge für Menschen am Lebensende zu fördern. (no/ref.ch)

24. November 2020
erstellt von «pfarrblatt» online
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