Florina Huwiler

Der Luzerner Theologe Marco Schmid. Foto: Urban Schwegler

Erfinder der Strassenexerzitien: Christian Herwartz. Foto: zVg

Der eigenen Sehnsucht folgen

Erstmals finden «Strassenexerzitien» in Luzern statt. Der Theologe Marco Schmid und die Thuner Sozialpädagogin Conny Pieren wirken als Begleiter mit. Wie kann man in einer Stadt, in den Strassen, Exerzitien betreiben?

Von Urban Schwegler

Exerzitien – was soll denn das sein? Das Online-Lexikon Wikipedia hilft weiter: «Exerzitien sind geistliche Übungen, die abseits des alltäglichen Lebens zu einer intensiven Besinnung und Begegnung mit Gott führen sollen.» Innere Einkehr also. In Ruhe und Stille Gott und sich selbst suchen. Nun aber gibt es im kommenden Herbst in Luzern sogenannte «Strassenexerzitien». Wie passt das zusammen? Die Strassen der Stadt liegen alles andere als «abseits des alltäglichen Lebens».

Auf neue Erfahrungen einlassen

Marco Schmid vom Team der Peterskapelle ist einer der Begleiter der Luzerner Strassenexerzitien. «Wer in der Stadt die Stille sucht, wird sie auch hier finden.» Stille könne helfen, sei aber nicht das zentrale Element der Strassenexer- zitien. «Zuerst geht es darum, der eigenen Sehnsucht zu folgen und ihr einen Namen zu geben. So kann ich meinen inneren Kompass neu ausrichten.» Das sei – wie bei herkömmlichen Exerzitien – ein innerer Prozess und könne bei der Entscheidungsfindung helfen. Die Teilnehmenden sind während fünf aufeinanderfolgenden Tagen in den Strassen der Stadt unterwegs. Dabei sind sie ganz auf sich allein gestellt. «Das ist eine Ausnahmesituation. Ich kann mich auf neue Erfahrungen einlassen, wie ich es im normalen Alltag nicht könnte.» Das führe unter Umständen zu überraschenden Begegnungen.

Einfachheit hilft zu fokussieren

Am Morgen, vor dem Hinausgehen in die Stadt, gibt es einen kurzen, meist biblischen Impuls mit auf den Weg. Am Abend trifft man sich zum gemeinsamen Essen und zum Austausch des Erlebten wieder. In Luzern wohnen die Teilnehmenden während der ganzen Woche in einem Haus unterhalb der Hofkirche. Man schläft im gemeinsamen Raum, nach Geschlechtern getrennt. «Das einfache Leben während der Exerzitien geht zurück auf den Jesuiten Christian Herwartz», erzählt Marco Schmid. «Er hat diese besondere Form der geistlichen Übungen entwickelt, als er mit einer Gruppe randständiger Menschen in einfachen Verhältnissen zusammenlebte. Einfachheit hilft, sich zu fokussieren.» Auch Pater Christian wird in Luzern dabei sein und die Gruppe zusammen mit Marco Schmid und der Religions- und Sozialpädagogin Conny Pieren begleiten.

Neue Deutungen

Eine wichtige Rolle spielt der abendliche Austausch. Alle berichten, was sie am Tag in den Strassen erlebt haben. «Durch das Erzählen wird das Erlebte noch einmal anders bewusst», weiss Marco Schmid aus eigener Erfahrung. «Oft weisen die Gruppenmitglieder einander auf Dinge hin, die auf den ersten Blick belanglos erschienen. Neue Sichtweisen führen zu neuen Deutungen. Es kann sein, dass gerade die Aussensicht zu einer entscheidenden Erkenntnis führt.» Weil dieser Austausch inhaltlich und zeitlich intensiv sei, dürfe die Exerzitiengruppe nicht zu gross sein.

Teilnehmen könnten alle, «die ihrer inneren Sehnsucht nachgehen möchten», sagt Marco Schmid. Jenen, die nicht wissen, wie diese aussieht, rät er, sich zu fragen, was bei ihnen Wut oder Trauer auslöst. Gemäss Christian Herwartz lösen diese Gefühle den Wunsch nach Veränderung aus. «Wenn die eigene Sehnsucht entdeckt ist», sagt er, «frage ich mit den gefundenen Stichworten, wie derjenige heisst, der uns diese Sehnsucht schenkte. Gläubige Menschen spüren in der eigene Sehnsucht die Handschrift Gottes.»

 

Sonntag, 29. September (ab 17.00) bis Samstag, 5. Oktober (bis Mittag). Einfache Übernachtung im Gemeinschaftsraum der Hofschule, St. Leodegarstrasse 15.
Information und Anmeldung bis 15. August (spätere Anmeldung auf Anfrage) an:
marco.schmid(at)kathluzern.ch
Infos: www.nacktesohlen.wordpress.com

 

 

6. August 2019
erstellt von «pfarrblatt» Nr. 17
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