Pius XI. (1857–1939), eigentlich Achille Ambrogio Damiano Ratti – war Papst von 1922 bis 1939.

Benito Mussolini (M.) im Vatikan (1932). Pius XI. liess sich ungern mit anderen ablichten. Darum wird er hier von Haushofmeister Kardinal Caccia Dominioni vertreten (links neben Mussolini). Foto: Keystone

Pakt mit dem Teufel. Benito Mussolini und Kardinal Pietro Gasparri unterzeichnen die Lateran-Verträge. Rom, 11. Februar 1929. Foto: Keystone, Roger Violet

Der erste Stellvertreter

Bestürzende Einsicht

Bevor die wertvolle Substanz des Werkes, insbesondere die bislang unbekannten Akten, vorgestellt wird, soll auf dessen Schwächen hingewiesen werden. Kertzer erhebt den Anspruch, eine Doppelbiografie des Papstes und des Duce geschrieben zu haben. Aber über Benito Mussolini erfährt man relativ wenig Neues. Weiter widmet der Autor zu viel Raum dem Privaten, beim Duce sind es die zahlreichen Liebschaften, beim Papst die gesundheitlichen Probleme. Weil das vor ein paar Jahren erschienene Buch des Kirchenhistorikers Hubert Wolf «Papst und Teufel» diese Makel nicht kennt, soll es hier ebenfalls beigezogen werden. Von Wolf stammt auch das Vorwort in der deutschen Ausgabe des «Ersten Stellvertreters».

Die bestürzendste Einsicht von Kertzers Buch betrifft die Anfangszeiten des ersten faschistischen Diktators, der im Oktober 1922, ein paar Monate nach der Papstwahl, an die Macht gelangt war. Nachdem Mussolini für alle Klassenzimmer, Gerichtssäle und Krankenhäuser das Anbringen von Kruzifixen angeordnet, in den Grundschulen den Religionsunterricht eingeführt, die Beleidigung von Geistlichen und der katholischen Religion unter Strafe gestellt und die Kirche materiell massiv unterstützt hatte, war der Vatikan bereit, den antifaschistischen Kopf der katholischen Volkspartei zu opfern. Weil der gestürzte Parteigründer und Priester Don Luigi Sturzo weiterhin öffentlich gegen Mussolini Stellung bezog, wies ihn Pius XI. an, damit aufzuhören. So blieb dem Vorläufer der italienischen Christdemokratie nur der Weg ins Exil.

Rettung der Diktatur

Die andere Partei, die dem Totalitarismus im Wege stand, die Sozialistische, durften Katholiken auf päpstliche Anweisung gar nicht wählen. Als deren Führer Giacomo Matteotti im Juni 1924 auf Befehl Mussolinis ermordet wurde, stürzte das dessen Regime in eine tiefe Krise. Gerettet wurde es durch den Vatikan, der den Beschluss der katholischen Volkspartei, gemeinsam mit anderen Oppositionskräften Neuwahlen zu fordern, öffentlich desavouierte. Zusätzlich liess Pius XI. dem verzweifelten Mussolini ermunternde Worte zukommen und liess in der Civiltà Cattolica, dem Organ des Jesuitenordens, einen Artikel zugunsten der Regierung veröffentlichen. Dieser lobte den Duce für alles, was er für die Kirche getan hatte, lehnte Neuwahlen ab und betonte, dass die Volkspartei niemals ein Bündnis mit den Sozialisten eingehen dürfe. Aber nur ein solches hätte den Faschismus stoppen können.

Zur vollständigen Auflösung des politischen Katholizismus auf Anordnung des Vatikans kam es mit den sogenannten Lateranverträgen zwischen Papst und Duce vom Februar 1929. Deren erster Artikel legte fest, dass «die katholische, apostolische und römische Religion die einzige Staatsreligion ist.» Der Papst erhielt die Souveränität über den Vatikanstaat, dessen Beleidigung wurde einer Majestätsbeleidigung gleichgestellt. Das Konkordat zwischen dem faschistischen Staat und dem Vatikan erklärte katholische Feiertage zu staatlichen, anerkannte kirchliche Eheschliessungen und weitete den Religionsunterricht auf die Oberschulen aus.

Eine Schlüsselrolle beim Zustandekommen des Konkordats hatten der Jesuitenorden und die Civiltà Cattolica gespielt. Sie waren es auch, die Mussolini schon zehn Jahre vor dessen eigener Ausgrenzung der Juden auf die «weltweite jüdisch-freimaurerische Plutokratie » aufmerksam machten. Wenn sich der Duce in dieser Frage bis 1938 zurückhaltender verhielt, lag das nicht daran, dass ihm, wie Kertzer insinuiert, der Antisemitismus kein Herzensanliegen war. Er fürchtete sich, wie er im März 1933 die Nazis wissen liess, vor den «wirtschaftlichen Massnahmen des internationalen Judentums».


Judenfeindliche Fürbitte

Kurz vor dem Abschluss des Konkordats hatte Pius XI. auf Antrag der Inquisition einen Beschluss gefasst, der vielen Katholiken das Mitmachen an der europaweiten Judenverfolgung erleichterte. Hubert Wolf zeigt aufgrund von neu zugänglichen Akten, wie der Vorschlag eines Vereins von Priestern, Bischöfen und Kardinälen, die «antisemitische Liturgie» zu ändern, vereitelt wurde. Wesentlich ging es den vom Abt von Monte Cassino präsidierten «Amici Israel», deren Kernaufgabe die Konversion von Juden war, um die Fürbitte «Et oremus pro perfidis judaeis» (auf Deutsch: «Beten wir für die treulosen Juden»). Im Unterschied zu allen anderen Fürbitten, auch denen für Protestanten und Heiden, wurde hier zusätzlich auf die Kniebeuge verzichtet.
Diese auffällige Abweichung verschärfte das Wort «perfidis» zusätzlich.
Die Inquisition und der Papst zeigten sich entsetzt über die Änderungsvorschläge wie auch über deren Begründung. Pius XI. beschloss, die judenfeindliche Liturgie beizubehalten, den Verein zur Bekehrung der Juden aufzulösen, dessen Schrift für eine Liturgiereform zu verbieten und die Hauptverantwortlichen vor die Inquisition zu laden. Allerdings wurde das vatikanische Dekret mit einer Einleitung versehen, gemäss der die Kirche den «Antisemitismus » verurteilt. Damit war der Rassenantisemitismus, aber nicht «die gesunde Einschätzung der von den Juden ausgehenden Gefahr» gemeint. Dieser Satz stammt aus den Erläuterungen in der Civiltà Cattolica vom Mai 1928. Der Artikel unterstellte den Juden weiter, «als eigentliche Oberhäupter okkulter Sekten Pläne zur Eroberung der Weltherrschaft » zu schmieden.

Die unterschlagene Enzyklika

Als dann aber 1938 der Duce zuerst ein antisemitisches Rassenmanifest lancierte, um kurz darauf eigene Rassengesetze einzuführen, begann sich zwischen dem Papst einerseits, dem Jesuitenorden und dem Kardinalstaatssekretär Eugenio Pacelli andererseits ein Graben zu öffnen. Wie Kertzer minutiös aufzeigt, machte Pius XI. beim Geheimdeal mit Mussolini, gemäss dem der Vatikan die Massnahmen gegen die Juden nicht kritisiert, solange sie nicht härter sind als die im früheren Kirchenstaat praktizierten, noch mit. Auch gegen die kurz darauf folgenden Rassengesetze war der päpstliche Widerstand nur schwach. Sein Umfeld, insbesondere der Jesuitengeneral Ledochowski und Pacelli, der spätere Papst Pius XII., wollten einen Konflikt mit dem Regime partout vermeiden.

In der gleichen Zeit verstärkte sich bei dem schon länger zweifelnden Pius XI. die Einsicht, dass die Kirche und damit auch er zu weit gegangen waren. Im Juni 1938 beauftragte er einen US-amerikanischen Jesuiten, der eine Analyse über den Rassismus in den USA veröffentlicht hatte, eine Enzyklika gegen Rassismus und Antisemitismus auszuarbeiten. Das Dokument mit dem Titel «Von der Einheit des Menschengeschlechts » sollte im Unterschied zur Enzyklika «Mit brennender Sorge» vom Vorjahr der Frage der Judenverfolgung nicht mehr ausweichen. Gleichzeitig äusserte Pius XI. gegenüber einer belgischen Delegation den erst viel später berühmt gewordenen Satz: «Im geistigen Sinne sind wir alle Semiten.»

Der Kardinalstaatssekretär hatte dafür gesorgt, dass diese Aussage im offiziellen Bericht im Vatikan-Organ Osservatore Romano unterschlagen wurde. Für die Verwässerung und Verschleppung der Enzyklika war vor allem der Jesuitengeneral besorgt. Von der Sorge, der Papst könnte anlässlich einer Feier zum 10. Jahrestag der Lateranverträge das faschistische Regime kritisieren, wurden Pacelli und Ledochowski durch den Tod des Papstes am 10. Februar 1939 befreit. Die Enzyklika, deren Entwurf auf dem Schreibtisch von Pius XI. lag, wurde von seinem Nachfolger Pius XII. unterschlagen.


Die Konzilswende

30 Jahre später strich Johannes XXIII. die «perfiden Juden» aus der Fürbitte. Im Frühjahr 1963, als er sich bereits auf den Tod vorbereitete, wurde er nach der Lektüre von Hochhuths «Stellvertreter» gefragt, was man dagegen tun könne. Seine Antwort soll gelautet haben: «Was kann man gegen die Wahrheit tun?» Zum Höhepunkt des Konzils wurden kurz vor dessen Abschluss die zwei Erklärungen für die Religionsfreiheit und gegen die Judenfeindlichkeit. Sie bedeuteten eine radikale Abkehr von 200 Jahren Gegenaufklärung und Antimoderne.

Die beiden Haupterrungenschaften des Zweiten Vatikanums, die wir nicht zuletzt dem Jesuitenorden verdanken, können nicht genug gewürdigt werden.

Josef Lang


Josef Lang (*1954), Historiker, alt Nationalrat, forscht seit 20 Jahren über die Geschichte des Katholizismus seit der Aufklärungszeit.

 

Buchhinweise

David I. Kertzer (Bild), Der Erste Stellvertreter. Papst Pius XI. und der geheime Pakt mit dem Faschismus,Theiss-Verlag Darmstadt 2016, 607 S., Fr. 49.90.

Hubert Wolf, Papst und Teufel. Die Archive des Vatikans und das Dritte Reich, Verlag C.H. Beck, München 2008, 360 Seiten, Fr. 35.90

1. Februar 2017
erstellt von «pfarrblatt»
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