«Der Freiheit das letzte Wort, nicht der Knechtschaft»

Es gibt Fragen, die haben einen Dauerstatus, die lassen sich, wenn überhaupt, nur ertasten. Eine dieser Fragen rund um den Glauben heisst: Warum lässt der gute Gott uns leiden? Ein Mönch, der mitten in Freiburg i.Üe. lebt, wiederkäut die Frage seit über 30 Jahren. Ein Besuch.


Als mich Johannes B. Brantschen, Dominikaner und emeritierter Professor für Theologie, im Empfangszimmer des Albertinum, dem Konvent der Dominikaner in der Stadt Fribourg, abholt, ist seine erste Frage nach der Begrüssung: «Stört Sie Tabakrauch?» Als Pfeifenraucher verneine ich schmunzelnd. «Dann kann ich Sie in meine Höhle mitnehmen», sagt der kleingewachsene, etwas gebeugte Mann schelmisch und schlurft voran zum Lift. Er feierte Anfang November seinen 80. Geburtstag.

Vor seiner Klause befiehlt mir der Dominikaner «Augen zu». Er will mich vom Chaos in seiner Zelle warnen. Im Halbdunkel riecht es nach gutem Tabak, alten Büchern und Gedanken, die Zeit finden zu reifen. Bücher, Zeitschriften, Notizblätter in Regalen, auf dem Schreibtisch, auf Beistelltischen, Stühlen. Auf dem Pult drei Pfeifen, ein Aschenbecher. Es hat Platz für ein A4-Blatt und neue Ideen. Hinter der Tür der kreativen Mönchszelle hängt seine weisse Dominikanerkutte an einem Haken. Pater Brantschen, mitten drin im kreativen und menschenfreundlichen Kabinett der Gedanken und Gespräche, zündet sich seine Pfeife an und kommt zur Sache.

«Leider hat der Verlag für mein neues Buch den alten Titel gewählt. Vor dreissig Jahren habe ich Predigten unter dem Titel ‹Warum lässt der gute Gott uns leiden› veröffentlicht. Das Büchlein hatte damals mehrere Auflagen und war erfolgreich.» Ich erinnere mich. Schon 1986 hatte Brantschen dazu dem «pfarrblatt» ein Interview gegeben. «Ja, richtig, damals ging es um die Predigtsammlung. Das neue Buch ist jetzt ganz am Schreibtisch entstanden. Der Text hat drei Teile, der dritte ist neu. Darin geht es um die Hoffnung.»
Brantschen zieht an seiner Pfeife und pafft helle, duftende Wolken ins dunkle Zimmer. «Und weil es jetzt denselben Titel hat», ärgert sich der Dominikaner, «bekomme ich E-Mails und Briefe von älteren LeserInnen und meinen Mitbrüdern, die mir gratulieren, dass ich das alte Büchlein wieder herausgebe. Die lesen es gar nicht. Dabei ist mir der dritte Teil ganz wichtig.» Warum, will ich wissen.

«Studenten und die neuen Christen in den entwickelten Industriestaaten sagen immer öfter, nach dem Tod sei alles aus. Auferstehung, die gebe es nur im Diesseits, im Jetzt. Da beschleicht mich immer eine gewisse Melancholie. » Er nimmt sein Buch vom Tisch und zitiert aus der Seite 129: «Ich halte hier fest: ‹Keine glaubwürdige Rede von einem Leben nach dem Tod ohne radikalen Einsatz für ein menschenwürdiges Leben für alle vor dem Tod. Keine Rede von ewiger Freiheit ohne mutige Unterstützung der Freiheits- und Emanzipationsbewegungen dieser Erde.› So weit, so klar. Wenn aber einer sagt, ein Jenseits interessiert mich nicht, weil mir das Christentum genug Sinn auf dieser Erde gibt, dem sage ich, die Frage nach dem persönlichen Interesse ist vielleicht doch eine allzu bourgeoise Einstellung zu diesem Thema, zumal du auf der Schokoladenseite dieses Planeten leben darfst.› Es gibt nicht nur eine klerikal-dogmatische Gefangennahme Gottes. Es gibt auch eine sehr profane Gefangennahme. Lassen wir doch Gott frei. Lassen wir uns überraschen.»

Magister Brantschen blättert in seinem Buch. Sein Werk behandelt viele weitere Themen wie Gerechtigkeit für die Opfer, Umgang mit den Tätern, Fegefeuer, Hölle verstehen, von der Wichtigkeit des Trostes und die Gefahr des Vertröstens. Und es schlägt fünf «Griffe» vor, an denen der Leidende sich festklammern kann. Die Kapitel sind leicht verständlich und regen zum Weiterdenken an. Der Text ist ein eindrückliches Resümee eines langen Ringens über die Fragen des Leidens. Aber warum sich mit einem Gott herumschlagen, wenn er uns leiden lässt durch Schicksale, Krankheiten, Gräueltaten, Verbrechen, Holocaust, Genozide, wenn er Flüchtlinge im Meer ertrinken lässt, und schweigt, nichts als schweigt?

Brantschen pafft gelassen eine neue Weihrauchwolke gegen Himmel: «Mein Bruder hat ein Kind verloren. Was braucht der nun? Antworten, lange Erklärung? Der braucht meine Arme, eine Umarmung. Gottes Hände sind unsere Hände. Und die der anderen, auf die ich mal angewiesen sein werde. Im Wallis gab es in meiner Kindheit viele Alkoholiker. Der Pfarrer nahm jeweils die Frauen vor das Kreuz Christi und sagte, trage dein Kreuz, er hat es auch getan. Das ist völlig absurd. Alkoholiker gehören in die Entziehungskur, Mörder vor das Gericht, Kranke zum Arzt.
Was bleibt, wenn alle Stricke reissen, ist die Hoffnung auf die Wiederherstellung der mit Füssen getretenen Gerechtigkeit. Denn Gott ist grösser als diese Welt. Jeder Antwortversuch ist ein Fragment und all die Fragmente ergeben doch nicht das Ganze.» «Werden Sie Ihrem Bruder Ihr Buch schenken», frage ich. «Trösten, Herr Meienberg», anwortet der Menschenfreund leise und beugt sich leicht vor, «Trösten ist eine schwierige Kunst und sich trösten lassen nicht weniger. Vielleicht schenke ich ihm das Buch in ein, zwei Jahren, wenn eine weitere Phase der Trauer beginnt. Nicht jetzt. Jetzt weine ich mit ihm und wir trinken zusammen einen Whisky.»

Die Frage nach Gott und dem Leiden bleibt: «Sie, Pater Brantschen, sind 80 Jahre. Wie gehen sie persönlich mit der Endlichkeit um?» Brantschen zieht an seiner Pfeife und erwidert: «Ich war ein kränkliches Kind und bin jetzt doch 80 geworden. Ein Geschenk. Wenn ich alterskrank werde, oder wir zwei starke Raucher beispielsweise Lungenkrebs bekommen, muss der Arzt her, selbstverständlich. Wenn dann nichts mehr zu machen ist, bleibt mir die Hoffnung in der bleibenden Unbegreiflichkeit.»
Hoffnung? «Betrachten sie die Schöpfung», fordert mich Brantschen geduldig auf: «Das Universum, es ist voller Schönheit, die Sterne, der farbenprächtige Herbstwald. Was fehlt, ist die Liebe. Die kommt im ewigen Fressen und Gefressen werden der Natur nicht vor. Der Mensch wird Mensch, wenn er merkt, dass sein Hunger und Durst durch Nahrung und Sexualität allein nicht mehr gestillt werden kann. Da ist die Sehnsucht, da ist die Hoffnung. Die schlimmsten Situationen können noch gemeistert oder ertragen werden, wenn am Horizont ein Licht der Hoffnung leuchtet, Hoffnung auf Gerechtigkeit und Neuanfang. Deshalb bleibt Gott, bleibt die Auferstehung wichtig, nicht als Rezept, sondern als das Unerklärliche, das der Freiheit das letzte Wort gibt, nicht der Knechtschaft.»

Eine weitere aromatische Wolke verteilt sich auf Bücher und Gedanken. Alles ist Fragment. In Brantschens Kabinett der Gedanken und Gespräche aber werden die Fragmente zu einem hilfreichen Mosaik. Den Rest kann man getrost Gott überlassen. Jürg Meienberg

Das Buch
Johannes B. Brantschen, «Warum lässt der gute Gott uns leiden? Antwortversuche auf die Zumutungen des Lebens.» Taschenbuch Herder Freiburg im Br. 2015, 160 Seiten, Fr. 13.50

 

 

11. November 2015
  • Bildung