Ernesto Cardenal Martinez (20. Jan. 1925 – 1. März 2020), nicaraguanischer suspendierter katholischer Priester, sozialistischer Politiker und Dichter. Foto: Jörg Loeffke/KNA

Der Kosmos im Christus-Gesang

Der Kosmos im Christus-Gesang

Zum Tod von Ernesto Cardenal, Auszug aus seinem Werk: «Das Buch von der Liebe», Peter Hammer Verlag, 140 Seiten, Fr. 21.90

 

«Der Tod existiert für uns nicht mehr. Unser Tod ist die Taufe, durch die wir am Tode Christi teilhaben, durch die wir in Christus sterben. Christus starb für uns und an unser Statt, darum brauchen wir nicht mehr zu sterben. Der leibliche Tod ist nichts anderes als der Anfang des ewigen Lebens, die Bedingung für die Auferstehung … Der andere ‹Tod› ist nicht mehr Tod, sondern das Zusammentreffen mit Christus …
Die Welt macht sich die grössten Sorgen um die Flüchtigkeit des Lebens. Wir aber freuen uns gerade, dass es so flüchtig ist und dass die Tage so schnell vergehen. Wir sehen das Leben vorüberfliegen wie einen Schnellzug und freuen uns darüber, wie sich jemand freut, der in einem Zug sitzt und schnell seinem Ziel, einem glücklichen Wiedersehn, entgegenfährt … Und es ist eine Lüge zu behaupten, das Leben sei kurz. Unser Leben ist nicht kurz, sondern ewig.
Wir haben nicht den Tod, sondern die Ewigkeit vor uns … ‹Ich sah einen neuen Himmel und eine neue Erde›, sagt Johannes in der Offenbarung. Das Weltall stirbt nicht, es gibt kein ‹Ende› der Welt, sondern eine Erneuerung … Wir gehören zu diesem neuen Weltall, das sich noch im Werden befindet und dessen erstes Samenkorn der auferstandene Christus ist … Dieses Samenkorn wird aufgehen und sich vermehren, bis die neue Welt die alte ersetzt hat … Die Materie wird neu erschaffen, in einer neuen, unvergänglichen Art, mit einer neuen nuklearen und zellularen Struktur, und der Mittelpunkt dieser neuen Welt wird Christus sein, und die Schöpfung wird sich um Ihn drehen, wie die Erde und die Planeten sich um die Sonne drehen …
Christus hat nicht nur die menschliche Natur erlöst, sondern die gesamte Schöpfung. Auch das Brot und der Wein und das Wasser wurden erlöst, die ganze Materie wurde heilig durch Ihn … Die Liturgie ist die tägliche Erinnerung hier auf Erden und hier in der Zeit an dieses Hochzeitsmahl, das in der Ewigkeit seinen Anfang nahm … Wir warten hier noch in der Dunkelheit der Nacht auf die Ankunft des Bräutigams, wir sehen aber schon ein Licht in der Ferne und hören einen Lobgesang in der Nacht.»

18. März 2020
erstellt von «pfarrblatt» Nr. 7
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