Papst Franziskus unterzeichnet sein neues Lehrschreiben «Fratelli tutti» in der Basilika San Francesco in Assisi am Grab des heiligen Franziskus am 3. Oktober 2020. Foto: Vatican Media/Romano Siciliani/KNA

Der Papst träumt von einer besseren Welt

Mit der Enzyklika «Fratelli tutti» reicht Franziskus über den Rand der katholischen Kirche hinaus und stellt sich in eine Reihe von Visionären wie Martin Luther King und Mahatma Gandhi. Das wird nicht jedem schmecken.


Von Burkhard Jürgens, kath.ch


Der Papst träumt: Es müsse eine Welt möglich sein, in der sich Menschen als Brüder und Schwestern anerkennen, Konflikte im Dialog lösen und auf dem Weg der Entwicklung niemanden zurücklassen, sondern allen Raum zur Mitgestaltung geben. Das sei «keine pure Utopie».

Mit der Hoffnung seiner 83 Jahre hat Papst Franziskus seine Vision den katholischen Gläubigen und der gesamten Welt als Lehrschreiben vorgelegt.

Einen «demütigen Beitrag zum Nachdenken» nennt Franziskus seine Enzyklika «Fratelli tutti». Doch was ihn dazu antreibt, wiegt schwer: die globale Ungleichverteilung von Ressourcen und Chancen, die Ausgrenzung ganzer Schichten und Nationen, eine ungebrochene Tendenz, Eigeninteressen den Vorzug vor Solidarität zu geben.

Desillusionierender Virus

Die Covid-Pandemie hat es für den Papst als trügerische Illusion entlarvt, «zu glauben, dass wir allmächtig sind, und zu vergessen, dass wir alle im gleichen Boot sitzen».

Zu seinem Plädoyer für «Geschwisterlichkeit und soziale Freundschaft», wie die 150-seitige Schrift im Untertitel heisst, liess sich Franziskus von Ahmad Al-Tayyeb anregen, dem Grossimam der Kairoer Al-Azhar-Universität, mit dem er 2019 in Abu Dhabi ein «Dokument über die Brüderlichkeit aller Menschen» unterzeichnete.

Deutliche Geste zum Islam

Eher unüblich für die Vorstellung einer päpstlichen Enzyklika, sass am Sonntag im Vatikan der Scharia-Gelehrte Mohamed Abdel Salam auf dem Podium. Er bekannte sich als Muslim «in Einklang mit dem Papst».

Franziskus selbst nennt Nichtkatholiken wie den US-Bürgerrechtler Martin Luther King, den südafrikanischen Anglikaner Desmond Tutu und Mahatma Gandhi als Inspirationsquellen. Allein das dürfte ultrakonservativen Katholiken reichen, um den Papst abermals der Häresie zu bezichtigen. Dabei ist das, was er sagt, grösstenteils nicht neu und steht in der Tradition seiner Vorgänger.

Holzweg aus dem Weg gehen

In dem 287 Artikel umfassenden Text wirbt Franziskus dafür, nach dem Vorbild des heiligen Franz von Assisi (1181/82-1226) andere Menschen unabhängig von Herkunft oder sozialer Zugehörigkeit in freundschaftlicher Offenheit «anzuerkennen, wertzuschätzen und zu lieben». Wer meine, die globalen Probleme nach der Corona-Krise mit den alten Systemen lösen zu können, sei «auf dem Holzweg». Hatte er in seiner Umweltenzyklika «Laudato si» 2015 den Blick auf die Erde als «gemeinsames Haus» gelenkt, das es für künftige Generationen zu erhalten gelte, so skizziert er in «Fratelli tutti» die Umgangsregeln für die Hausbewohner.

Das Verhältnis zum anderen

Eine Kerneinsicht, die nicht zuletzt aus seiner Spiritualität als Jesuit schöpft: Was den Menschen ausmacht, bestimmt sich nach seinem Verhältnis zu den Mitmenschen.

Von dort aus dekliniert der Papst Selbstbezogenheit als Grundübel und ihr Heilmittel, liebende Öffnung, auf allen Ebenen durch. Wie in früheren Äusserungen wendet er sich gegen das Diktat von Profit- und Machtinteressen.

Ein Nein zum verkappten Kolonialismus

Gegen die Armut und Ausgrenzung hilft ihm zufolge nur eine echte Beteiligung der betreffenden Personen und Gruppen an gesellschaftlichen Gestaltungsprozessen. Eine Hilfe, die neue Abhängigkeiten schafft oder kulturelle Identitäten der Völker missachtet, lehnt er als verkappten Kolonialismus ab.

Zur Lösung von Konflikten setzt Franziskus auf Dialog und internationale Vermittlung. Nationale Interessen haben sich dem globalen Gemeinwohl unterzuordnen. Die Rolle der Vereinten Nationen will der Papst gestärkt sehen, Krieg und Rüstung als Mittel der Politik weist er rigoros zurück.

Unterschiede als Bereicherung

Zum Thema Migration betont Franziskus, solange in den Herkunftsländern die Bedingungen für ein Leben in Würde fehlten, gelte es das Recht eines jeden Menschen zu respektieren, einen Ort für die Verwirklichung seiner Person zu finden. Jedes Land sei «auch ein Land des Ausländers».

Die Güter eines Territoriums dürften «einer bedürftigen Person, die von einem anderen Ort kommt, nicht vorenthalten werden». Unterschiedliche Kulturen sieht er dabei nicht als Hindernis, sondern als Bereicherung.

Franz von Assisi und die stürzende Kirche

Der wohl bekannteste Traum eines Papstes ist der von Innozenz III., dem der heilige Franz von Assisi erschien, wie er die wankende Kirche stützt. Giotto malte die Szene in einem berühmten Fresko in der Basilika San Francesco in Assisi.

Der heutige Papst träumt, wie eine Welt, die «ohne einen gemeinsamen Kurs läuft» und immer mehr aus den Fugen gerät, von Gläubigen aller Religionen und auch Nichtglaubenden gestützt wird. Am Samstag unterzeichnete er seine Enzyklika just in jener Basilika am Grab des heiligen Franziskus.

 


Wir sind alle Geschwister


Das dritte Lehrschreiben von Papst Franziskus trägt den Titel «Fratelli tutti – über die Geschwisterlichkeit und die soziale Freundschaft». Ist «Laudato si'» eine Umwelt-, so ist «Fratelli tutti» eine Sozialenzyklika. Die Coronapandemie, Gewalt gegen Frauen, Hunger, die Todesstrafe – nichts lässt der Papst aus. Unterzeichnet hat er das Lehrschreiben am 4. Oktober auf dem Grab des Heiligen Franz von Assisi. Dieser ist für den Papst in dessen Kritik an den sozialen Verhältnissen quasi Vorbild. Menschen, alte und behinderte, würden wie Abfall weggeworfen. Er geisselt die Abtreibung, unerbittlich und ohne Einschränkung. Zusammen mit der Todesstrafe. Nicht einmal ein Mörder, so der Papst, verliere seine persönliche Würde. Gott selber leiste dafür Gewähr.

Franziskus trägt alles zusammen, was er zu diesen Themen bereits anderswo verlautbaren liess. Es ist teilweise harte Kost. Ein Wirtschaftsmodell, das einzig auf dem Profit und einer Kultur des Abfalls beruhe, lehnt er rigoros ab. Für die Opfer von Krieg und Krisen fordert Franziskus humanitäre Fluchtkorridore, die westlichen Staaten sollen die am stärksten Gefährdeten aufnehmen. Franziskus empfiehlt einen weltweiten Fonds gegen Hunger. Diesen solle man alimentieren, anstatt Waffen zu kaufen.

Es ist ein eindringlicher und faszinierender Text. Ein Schelm, wer hier eine Zustimmung für die Konzernverantwortungsinitiative hineininterpretiert. Mit Enzykliken, Lehr- oder Rundschreiben zeigen Päpste den Gläubigen, wie sie auf aktuelle Fragen reagieren, welche Antworten sie bereithalten. Diese Schreiben sind Programm, weisen nach aussen, über die Kirche hinaus. Es ist Orientierung und Einschätzung. Wir sind alle Brüder, oder eben Geschwister, dieser Titel verweist darauf, dass wir gemeinsam als Menschheit an den Problemen arbeiten müssen, dass es in diesen Fragen keine religiösen Schranken gibt. Papst Franziskus schreibt: «Gottes Liebe ist für jeden Menschen gleich, unabhängig von seiner Religion. Und wenn er Atheist ist, ist es die gleiche Liebe.»

Andreas Krummenacher

Kommentar der Schweizer Bischofskonferenz, verfasst von Weihbischof Alain de Remy, zur Enzyklika «Fratelli tutti».

Die Enzyklika im Original

In 287 Artikeln auf 150 Seiten hat Papst Franziskus seinen Traum von einer besseren Welt dargelegt. Wer sich nicht gleich an die Lektüre von «Fratelli tutti» wagt, kann auf kath.ch zunächst neun Infografiken anschauen. Diese führen in die inhaltlichen Schwerpunkte ein.

«Fratelli tutti»: Neun Infografiken erklären Papst-Enzyklika

13. Oktober 2020
erstellt von «pfarrblatt» Nr. 22
  • Pfarrblatt / Angelus
  • Spirituelles