Nachdenklicher Papst. Wird er den Worten Taten folgen lassen? Foto: Paul Haring/CNS photo/KNA

«Der Schrei der Opfer ist stärker»

In einem Schreiben an «das Volk Gottes» reagiert Papst Franziskus auf die neuerlichen Meldungen über sexuelle Ausbeutung durch Priester in den USA. Das knapp vierseitige Schreiben, das der Vatikan am Montagmittag veröffentlichte, birgt durchaus einige Brisanz. Der Papst stellt sich uneingeschränkt auf die Seite der Opfer, er kritisiert Klerikalismus in jeder Form, fordert eine kirchliche und soziale Umgestaltung und indirekt mehr weibliche Präsenz in der Kirche.

Papst Franziskus reagiert mit seinem Schreiben auf den jüngsten Bericht einer Grand Jury im US-Bundesstaat Pennsylvania, der am 14. August veröffentlicht wurde. Darin konnten hunderte Kinder als Opfer sexueller Ausbeutung durch über 300 Priester identifiziert werden. Der Papst macht keine Verrenkungen und keine halbherzigen Entschuldigungen. Er schreibt nicht, wie das schon oft geschehen ist, von «Verfehlungen der Vergangenheit», er schreibt nichts davon, dass man daraus gelernt habe. Im Gegenteil. Es ist ein schonungsloses, offenes Schreiben. Der Papst nennt die Dinge beim Namen.

Wunden verjähren nie

Franziskus schreibt, das Verbrechen des «sexuellen Macht- und Gewissensmissbrauchs seitens einer beträchtlichen Zahl von Klerikern und Ordensleuten» beschäme ihn zutiefst. Man habe in der Vergangenheit versagt und man könne in Zukunft gar nicht genug tun, diese Verbrechen zu sühnen. Franziskus analysiert: «Es ist ein Verbrechen, das tiefe Wunden des Schmerzes und der Ohnmacht erzeugt, besonders bei den Opfern, aber auch bei ihren Familienangehörigen und in der gesamten Gemeinschaft, seien es Gläubige oder Nicht-Gläubige. Wenn wir auf die Vergangenheit blicken, ist es nie genug, was wir tun, wenn wir um Verzeihung bitten und versuchen, den entstandenen Schaden wiedergutzumachen. Schauen wir in die Zukunft, so wird es nie zu wenig sein, was wir tun können, um eine Kultur ins Leben zu rufen, die in der Lage ist, dass sich solche Situationen nicht nur nicht wiederholen, sondern auch keinen Raum finden, wo sie versteckt überleben könnten. Der Schmerz der Opfer und ihrer Familien ist auch unser Schmerz.»

Es sei darum unumgänglich, so Papst Franziskus, «dass wir als Kirche die von Ordensleuten und Priestern begangenen Gräueltaten wie auch die von all jenen, die den Auftrag hatten, die am meisten Verwundbaren zu behüten und zu beschützen, anerkennen und mit Schmerz und Scham verdammen. Wir bitten um Vergebung für die eigenen und für die Sünden anderer.»

Der Schrei der Opfer sei stärker gewesen als der Versuch derer, die ihn zum Schweigen bringen wollten. Er schäme sich, wenn er sich bewusst mache, dass der priesterliche Lebensstil das verleugnet habe. «Mit Scham und Reue geben wir als Gemeinschaft der Kirche zu, dass wir nicht dort gestanden haben, wo wir eigentlich hätten stehen sollen, und dass wir nicht rechtzeitig gehandelt haben, als wir den Umfang und die Schwere des Schadens erkannten, der sich in so vielen Menschenleben auswirkte», schreibt Franziskus.

Mögliches Vorgehen

Die Wunden der Opfer seien so gross, sie würden nie verschwinden. Der Schmerz dieser Opfer sei eine Klage, die zum Himmel aufsteige und die Seele berühre, «die aber für lange Zeit nicht beachtet, versteckt und zum Schweigen gebracht wurde». Das verpflichte ihn, diese Gräueltaten mit Nachdruck zu verdammen, schreibt das Kirchenoberhaupt. Er wolle «die Anstrengungen bündeln, um diese Kultur des Todes auszumerzen.»

Der Umfang und das Ausmass der Ereignisse würden nun verlangen, «sich dieser Sache in umfassender Weise mit vereinten Kräften anzunehmen». Wir seien alle miteinander gefordert, uns des Schmerzes «unserer an Leib und Seele verwundeten Brüder und Schwestern anzunehmen». Diese Solidarität verlange ihrerseits von uns, all das anzuprangern, was die Unversehrtheit irgendeiner Person in Gefahr bringen könnte. Papst Franziskus fordert mit Vehemenz, dass dazu die Verbreitung der «Null-Toleranz-Haltung» gehöre. Diese verlange nach Massnahmen, Rechenschaft zu fordern von allen, die diese Verbrechen begehen oder decken würden. Er sei sich bewusst, dass diese Forderung der Kirche spät oder zu spät erfolgen würde.

Strukturen und Haltungen ändern

Franziskus will aber mehr, er will die Strukturen verändern. Wie genau, das führt er nicht aus. Er schreibt: «Verbunden mit diesen Bemühungen ist es nötig, dass jeder Getaufte sich einbezogen weiss in diese kirchliche und soziale Umgestaltung, die wir so sehr nötig haben.»

Weiter fordert der Papst auch eine spirituelle Umkehr. «Bussübung des Gebets und des Fastens» sollten die Verantwortlichen auf den rechten Weg zurückführen. Die Überhöhung der Priester will der Papst nicht mehr, in der Kirche seien wir alle gleich. Wir alle seien Glieder des Volkes Gottes, ohne Unterschied. Papst Franziskus erteilt jedem Klerikalismus eine Absage. Der oberste Katholik schreibt gar von einem «anormalen Verständnis» von Autorität in seiner Kirche. Franziskus schreibt: «Jedes Mal, wenn wir versucht haben, das Volk Gottes auszustechen, zum Schweigen zu bringen, zu übergehen oder auf kleine Eliten zu reduzieren, haben wir Gemeinschaften, Programme, theologische Entscheidungen, Spiritualitäten und Strukturen ohne Wurzeln, ohne Gedächtnis, ohne Gesicht, ohne Körper und letztendlich ohne Leben geschaffen.

Das zeigt sich deutlich in einer anormalen Verständnisweise von Autorität in der Kirche – sehr verbreitet in zahlreichen Gemeinschaften, in denen sich Verhaltensweisen des sexuellen wie des Macht- und Gewissensmissbrauchs ereignet haben –, nämlich als Klerikalismus (...). Der Klerikalismus, sei er nun von den Priestern selbst oder von den Laien gefördert, erzeugt eine Spaltung im Leib der Kirche, die dazu anstiftet und beiträgt, viele der Übel, die wir heute beklagen, weiterlaufen zu lassen. Zum Missbrauch Nein zu sagen, heisst zu jeder Form von Klerikalismus mit Nachdruck Nein zu sagen.»

Damit noch nicht genug. Im Schlusssatz betont Franziskus die weibliche Präsenz in der Kirche, um solche Gräueltaten künftig zu verhindern. Maria, so schreibt er, habe es vermocht, «am Fuss des Kreuzes ihres Sohnes zu stehen. Sie hat es nicht in irgendeiner Weise getan, sondern sie stand aufrecht und direkt daneben. Mit dieser Haltung bekundet sie ihre Weise, im Leben zu stehen.» Angesichts der aufgezählten Trostlosigkeiten würde uns Maria guttun. Papst Franziskus schreibt zum Schluss, Maria sei die erste Jüngerin gewesen, sie lehre uns alle, «wie wir uns angesichts des Leidens des Unschuldigen zu verhalten haben, ohne Ausflüchte und Verzagtheit.» Auf Maria zu schauen heisse, auf der Seite der Opfer zu stehen.

Ohne Ende ...

Die Konsequenzen aus dem Schreiben bleiben abzuwarten. Es ist zu hoffen, dass es tatsächlich zu einer Strukturreform und zu einer spirituellen Reform kommen wird. Papst Franziskus steht seit den Missbrauchsskandalen in den USA, Irland, Chile, Australien und Deutschland stark unter Druck. Eine gewaltige Aufzählung. Es ist auch nicht das erste Mal, dass von einer Null-Toleranz-Haltung die Rede ist. Sie durchzusetzen, das ist primär das Gebot der Stunde. In Erinnerung bleibt auch, dass Franziskus auf seiner Chile-Reise zu Beginn des Jahres, einen befreundeten Bischof in Schutz genommen hatte, der Sexualdelikte vertuscht haben soll. Allerdings hat er auch in diesem Jahr die Rücktrittsgesuche gleich mehrerer Kleriker und Kardinäle angenommen, die in Verfahren verwickelt sind. Es gäbe also genügend Gräueltaten, die ein oben beschriebenes Vorgehen endlich rechtfertigen würden.

Andreas Krummenacher

Hinweise:
Das vollständige Schreiben können Sie hier als PDF herunterladen
Einen Kommentar und eine Einordnung zu den Berichten über sexuelle Ausbeutung in den USA gibt es hier

21. August 2018
erstellt von «pfarrblatt» online
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