"Wir gehen davon aus, dass wir in den nächsten Monaten rund 50000 Flüchtlinge mit Kleidern eindecken und zusätzlich an rund 150000 Flüchtlinge Essenspakete abgeben werden." Andreas Psota, Caritas.

«Der Winter steht vor der Tür»

Serbien liegt auf der Haupttransitachse der Flüchtlinge aus dem Nahen Osten. Caritas Schweiz unterstützt die dortigen Flüchtlinge mit Hygieneartikeln, Nahrung und Kleidern. Projektmitarbeiter Andreas Psota berichtet über seine Erfahrungen.

Herr Psota, wie präsentiert sich aktuell die Flüchtlingssituation in Serbien?

Die meisten Flüchtlinge werden im Empfangszentrum Preshevo in Südserbien registriert. An bestimmten Tagen treffen dort Tausende Personen ein, vor allem aus dem Nahen Osten. Die meisten reisen direkt weiter nach Norden an die kroatische Grenze. Es treffen aber auch Flüchtlinge im Osten des Landes ein. Die meisten von ihnen stammen aus Afghanistan. Und auch im Norden, an der Grenze zu Ungarn, befinden sich immer noch viele Flüchtlinge.

Wie gehen die serbischen Behörden mit dem Flüchtlingsansturm um?

Sie haben die Situation recht gut im Griff. Die Flüchtlinge werden registriert und mit den notwendigsten Gütern versorgt. Von Preshevo werden sie anschliessend mit Bussen an die Grenze zu Kroatien gebracht. Die Behörden werden von Hilfswerken und zahllosen Freiwilligen unterstützt. Die Flüchtlinge werden in Serbien nicht als Feinde betrachtet. Im Gegenteil: Deren Schicksal hat zu einer Solidaritätswelle in der Bevölkerung geführt.

Worin besteht die Arbeit der Caritas?

Wir unterstützen das Serbische Rote Kreuz bei der Verteilung von Nahrungsmitteln. Daneben geben wir Hygieneartikel ab und leisten medizinische Unterstützung. Dazu arbeiten wir mit unserem lokalen Partner Caritas Serbien zusammen. Unser Fokus liegt auf den besonders verletzlichen Gruppen: Frauen und Kindern, Behinderten und Personen mit gesundheitlichen Problemen.

Wo ist die Hilfe am dringendsten?

In Preshevo, weil dort die meisten Leute ankommen. Darunter hat es besonders viele Familien mit Kindern. Viele der ankommenden Flüchtlinge sind erschöpft, mangelernährt oder gesundheitlich angeschlagen. Trotzdem wollen die meisten direkt weiter nach Kroatien. Unter den Flüchtlingen ist eine gewisse Angst zu spüren, dass sie nicht weiterkommen. Dies hat mit den Erfahrungen in Ungarn zu tun, welches vor Kurzem einen Grenzzaun errichtet hat. Als Caritas sind wir auch im Norden des Landes präsent. Denn trotz dem ungarischen Grenzzaun befinden sich dort immer noch ein paar Hundert Flüchtlinge und hoffen auf eine Weiterreise.

Caritas möchte ihr Programm vor Ort ausbauen. Warum?

Der Winter steht vor der Tür. Preshevo bietet nur etwa 400 Übernachtungsplätze in Zeltunterkünften. Das ist nicht so problematisch, solange die meisten Flüchtlinge direkt weiterreisen. Trotzdem gibt es Leute, welche draussen übernachten. Diese müssen mit Schlafsäcken versorgt werden. Ausserdem müssen alle Flüchtlinge mit Winterkleidung ausgerüstet werden, insbesondere mit Schuhen und warmen Jacken. Wir gehen davon aus, dass wir in den nächsten Monaten rund 50000 Flüchtlinge mit Kleidern eindecken und zusätzlich an rund 150000 Flüchtlinge Essenspakete abgeben werden.

Interview: Oliver Lüthi

Die Flüchtlingsarbeit der Caritas Schweiz kann finanziell unterstützt werden: Spendenkonto 60-7000-4, Vermerk «Flüchtlinge».

28. Oktober 2015