Hermann-Josef Venetz (1938-2021), hier auf einer Aufnahme aus dem Jahr 2007. Foto: Simon Spengler

«Die Bibel ist für Venetz keine Moralkeule»

Hermann-Josef Venetz wollte die Menschen ermächtigen, die Bibel selber zu lesen. Der Neutestamentler ist am Mittwoch verstorben. Detlef Hecking, Leiter der Bibelpastoralen Arbeitsstelle, erinnert sich an ihn.

Interview: Sylvia Stam

«pfarrblatt»: Wie hätte Hermann-Josef Venetz auf das jüngste Papier aus der Glaubenskongregation, die Kirche habe keine Vollmacht, homosexuelle Partnerschaften zu segnen, reagiert?

Detlef Hecking*: Hier behaupten Menschen in kirchlichen Machtpositionen, die von Gott ermächtigt sind, frei zu leben und zu handeln, sie hätten keine Vollmacht, Gottes Liebe weiterzugeben. Für Hermann-Josef Venetz wäre das wohl eine fatale Verdrehung von Macht und Ohnmacht, und biblisch gesprochen: Kleinglauben.

Sie haben bei ihm studiert. Was haben Sie als Theologe von ihm gelernt?

Zunächst sehr gute Exegese und Bibeltheologie, aber ganz besonders: Die Menschen wichtig zu nehmen, und zwar sowohl Menschen in ihren heutigen Lebenssituationen wie auch Menschen in der Bibel. Er konnte biblische Themen auf eine Art präsentieren, dass man unversehens ins Heute hineingerutscht ist, etwa in Fragen von Herrschaft und Unterdrückung, von Suchen, Glauben und Zweifeln.

Ein Beispiel?

Im Buch «Im Bannkreis des Paulus», das er zusammen mit Sabine Bieberstein geschrieben hat, schickt er ein fiktives Ehepaar in die Gemeinden des biblischen Paulus. Das Paar lernt die Briefe des Paulus kennen und diskutiert darüber, als wären sie heutige Menschen. Damit werden manche schwierigen Fragen aus den Paulusbriefen verständlich, andere bleiben schwierig. Aber sie bleiben eine Einladung, mit Paulus in ein Gespräch über konkretes Leben heute einzutreten.

«Gehen wir diskret mit der Bibel um», sagte er 1987 bei seinem Rücktritt als Zentralpräsident des Schweizerischen Katholischen Bibelwerks. Wie meint er das?

Er hatte eine Aversion gegen alle, die zu wissen glauben, wo Gott hockt. Er wollte, dass Menschen selber die Bibel lesen und ihre eigenen Schlüsse daraus ziehen. Darin hat er sie mit seiner ganzen Kompetenz unterstützt. Er hat auf dem Boden der Bibel pointiert Stellung genommen, sie aber nicht als Totschlagargument missbraucht.

Hat er sich damit gegen eine eindeutige Bibelauslegung gewehrt?

Die Bibel ist für Venetz keine Moralkeule. Es gibt für ihn selbstverständlich Prioritäten im biblischen Gottesbild, etwa die «vorrangige Option für die Armen», wie es die Befreiungstheologie nennt und zum Beispiel in der Bergpredigt zum Ausdruck kommt. Diese Option hat auch Venetz klar vertreten, aber nicht mit dem Ziel, ein neues autoritäres Gebäude unter anderen Vorzeichen zu errichten, sondern in die Freiheit zu führen.

Sein bekanntestes Buch ist wohl «So fing es mit der Kirche an». Weshalb fand es eine solche Verbreitung?

Für mich wie für viele andere war das ein sehr befreiender, offener Zugang zur frühen Entwicklung der Jesus-Messias-Bewegung. Er schildert darin die Übergänge zur Kirche, das entstehende Christentum.

Was war daran befreiend?

Das Buch zeigt, dass unterschiedliche Lebenswelten einer Gemeinde zu unterschiedlichen Ausprägungen von Strukturen, Ämtern und Kirchenbildern geführt haben. Das Aufzeigen dieser bunten Vielfalt in der frühen Kirche hat jedoch Menschen mit traditionellen Kirchenbildern verunsichert und massive Konflikte mit der kirchlichen Hierarchie ausgelöst. Denn die naheliegende Folge aus dem Buch ist, dass sehr vieles in der Kirche auch ganz anders sein könnte als es heute ist – wenn nämlich heutige Lebenswelten und Kontexte genauso ernst genommen werden wie in den Anfängen.

Wie haben Sie ihn als Mensch erlebt?

Er war sehr aufmerksam, interessiert an allen möglichen Menschen, freundlich, offen und sehr unterstützend, konnte aber auch missmutig und schroff sein. Er verabscheute «Um-den-heissen-Brei-Herumreden» und Unterwürfigkeit, auch ihm selbst gegenüber. Wenn ihm dann jemand vielleicht etwas unsicher oder auch nur mit allzu viel Respekt vor dem «grossen Professor» begegnete, konnte das auch schief herauskommen.

Inwiefern hat er Frauen gefördert?

Er hat feministische Exegese früh rezipiert und sich für feministisch-theologische Lehraufträge eingesetzt. Er hat Frauen nicht nur eine Stimme, sondern auch konkrete Stellen gegeben und mehrere Co-Produktionen mit Frauen gemacht. Bei der überarbeiteten Neuauflage von «Wie fing es mit der Kirche an» hat Regula Strobel mitgewirkt, und das erwähnte Paulus-Buch hat er gemeinsam mit Sabine Bieberstein geschrieben, später Pfarreiseelsorgerin in der Berner Dreifaltigkeitspfarrei und heute Professorin für Neues Testament an der Universität Eichstätt-Ingolstadt.


Hermann-Josef Venetz
(1938-2021) war 1975 bis 2003 Professor für neutestamentliche Exegese an der Universität Fribourg. Von 1971 bis 1987 war er Zentralpräsident des Schweizerischen Katholischen Bibelwerks. In Tagungen, Kursen und Publikationen und Zeitschriften hat er ein breites Publikum zum eigenständigen Bibellesen ermächtigt. Venetz starb am 17. März.

 


*Detlef Hecking
(53) hat in Bochum, Jerusalem und Fribourg Theologie studiert und 1995 sein Lizentiat bei Venetz geschrieben. Anschliessend war er als Pfarreiseelsorger in der Berner Pfarrei St. Marien tätig. Seit 2012 leitet er die Bibelpastorale Arbeitsstelle des Schweizerischen Katholischen Bibelwerks in Zürich. Ab September wird Hecking Pastoralverantwortlicher im Bistum Basel. Er wohnt in Jegenstorf.


Hinweis:
Nachruf von Detlef Hecking auf Hermann-Josef Venetz
Nachruf von Sabine Bieberstein auf Hermann-Josef Venetz 

 

Video: Hermann-Josef Venetz und Rolf Maienfisch im Gespräch (2013)

19. März 2021
erstellt von «pfarrblatt»
  • Pfarrblatt / Angelus