«Die digitale Welt ist das Gegenteil der Kanzel»

«Die digitale Welt ist das Gegenteil der Kanzel» Schon zu Beginn der Tagung der RömischKatholischen Zentralkonferenz unter dem Titel «Kirche(n) und Medien in digitalen Zeiten» am 14. September in Bern stellte Vizepräsidentin Renata Asal fest: Der Wandel ist vollzogen.


Man könne nicht mehr von der «kommenden Digitalisierung» sprechen, denn die digitale Revolution sei geschehen. Hat das die Kirche gemerkt? Wie reagiert sie auf die neue Gesellschaft? Und wie versteht die Kirche die Rolle des Service Public, den sie für die Menschen erbringen soll, in dieser digitalisierten Welt?

Markus Notter, früherer Zürcher Regierungsrat, sieht die Aufgabe der Kirche nun unter anderem in der Diskussion um sogenannte «Werte». Heute würden gesellschaftliche Grundwerte und die daraus entstehenden rechts- staatlichen Konventionen häufig vermischt.
Niemand würde aber diskutieren, was genau die Werte unserer Gesellschaft eigentlich beinhalten. Die Kirche müsse, so Notter, die wirklichen menschlichen Grundwerte der Gesellschaft mitdefinieren und immer wieder ins Gedächtnis rufen. Der SP-Politiker rief an dieser Stelle die Worte Papst Franziskus’ aus seiner Enzyklika «Laudato si» ins Gedächtnis: «Nichts auf dieser Welt ist uns gleichgültig!»

Zu gesellschaftlichen Werten äusserte sich auch Gilles Marchand, stellvertretender Generaldirektor der SRG. Der Service Public biete eine wichtige Plattform für die Diskussion ebendieser Werte, und die Kirche könne zu diesem Service Public viel beitragen. Zudem nutzte er die Gelegenheit für ein Votum gegen die No-Billag-Initiative: Ohne die Finanzierung auf diesem Wege sei die SRG nicht mehr in der Lage, ihren Auftrag zu erfüllen – und so würde auch eine wichtige Bühne für religiöse Fragen wegfallen.

Die Diskussion, welche sich bis dahin in erster Linie um Mediennutzung und Kommunikation gedreht hatte, wich aber nach wie vor einer sehr zentralen Problematik aus – in welchem Verhältnis Spiritualität und die Digitalisierung gedacht werden müssen. Erst Valentin Beck, Bundespräses der Jubla, sprach diese Thematik an.
Spezifisch das Internet biete der Jubla zwar grosses Potenzial in Sachen Identifikation und Kommunikation – nach dem spirituellen Erleben im Rahmen der Jubla gefragt, schilderte er allerdings nur Offline-Erlebnisse. Und stellte fest, dass das «Sprechen über religiöse Fragen, der scheinbaren Kleinheit unserer Existenz etwa, immer noch face to face am Lagerfeuer passiert.»

Und auch Weihbischof Alain de Raemy lobte zwar die Möglichkeiten, die das Internet in Sachen Kommunikation und Information bietet, die Gefahr sei jedoch gross, besonders für Jugendliche, sich zwischen Selbstinszenierung und -verleugnung zu verlieren. Das Ziel aber, so de Raemy, «ist doch immer die Selbstsuche».

Für die Kirche eröffneten die neuen Medien jedoch ganz neue Wege der Kommunikation. Das bestätigte auch Valentin Beck: Jeder können mitreden, es werde nicht mehr von oben herab gepredigt, sondern ein wirklicher Dialog geführt. «Die digitale Welt ist quasi das Gegenteil der Kanzel».

Sebastian Schafer

20. September 2017
erstellt von «pfarrblatt»
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