Die ganze Geschichte

An einem Fest mit dem 90-jährigen Berner Jesuiten Richard Brüchsel gibt uns der Fachmann für alle Fragen zwischen Naturwissenschaft und Glaube einen weiteren seiner legendären Durchblicke.


Heute macht ein wissenschaftlicher Trend von sich reden, der sich Big History nennt. Vornehmlich in den USA beheimatet, sieht diese wissenschaftliche Richtung das Werden von Welt undMensch als eine einzige grosse Bewegung. Astronomie, Geologie und Klimatologie, Biologie und Anthropologie, Archäologie und Geschichte rücken zusammen in eine einzige, umfassende Perspektive. Eine faszinierende Weite – in einer Welt, in der das Wissen in immer kleinere Spezialgebiete zerfällt, wie das Auge eines Insekts: unzählige Facetten, aber kein zusammenhängendes Bild.
Der Mensch, zerrissen in lauter Bruchstücke: Gastroenterologie, Psychotherapie, Kulturwissenschaft und Soziologie beschreiben alle denselben Menschen. Aber in Sprachen, die einander nicht verstehen und den Dialog nur unter Schwierigkeiten lernen. Oder in der Praxis erst gar nicht führen. Wie wohl tut da eine mehr als spezialistische Art des Sehens!

Indes – für P. Brüchsel fehlt hier noch etwasWesentliches: Dieser weite und interdisziplinäre Blick schaut nur auf die Aussenseite der Dinge. Das Subjekt spielt keine Rolle. Die Erfahrung, welche das Ich von sich selbst hat, seine Zustände, seine Beziehungen, seine Fragen und Entwicklungen fallen aus. Die Methoden der Naturwissenschaft sehen sie gar nicht; jene der Geschichtsschreibung nur, soweit sie sich in objektiven Quellen greifen lassen. Und ebenso fehlt die Frage nach der Zukunft. Die Geschichte blickt zurück, der Mensch aber blickt voraus. Er sorgt sich um seine Zukunft, übernimmt Verantwortung, gestaltet und baut sie, aufs Ganze gesehen durchaus mit Fortschritten an Menschlichkeit.

Für Brüchsel lässt sich die Religion als Frage des Bewusstseins nach der Zukunft verstehen. Hier geht der Blick Brüchsels zurück. Wie bin ich auf die Fragen zwischen Naturwissenschaft und Glaube gestossen? Wie haben sie nach mir gegriffen? Und wie kamich auf den französischen Jesuiten und Paläontologen Pierre Teilhard de Chardin (1881–1955)? Der heute weltbekannte Theologe der Evolution wurde von seiner Kirche über Jahrzehnte zum Schweigen genötigt; seine Schriften konnten erst nach seinem Tod erscheinen. Damals meinte man noch festhalten zu müssen, alle stammten direkt von Adam und Eva ab; und die Erde sei in sieben Tage erschaffen worden.
Für uns Katholiken seit Langem erledigte Fragen; manche Freikirchen vertreten solche Gedanken, die wenig Reflexion und Selbstzweifel verraten, allerdings bis heute. Was für berechtigten Unmut in der Naturwissenschaft sorgt, beim Neurobiologen und Nobelpreisträger Richard Dawkins sogar für heftige, wenn auch philosophisch wenig gebildete Gegenangriffe.

Was also hat P. Brüchsel bei Teilhard entdeckt? Welche Fragen hat er in eine Sprache übertragen, in der sie sich bearbeiten liessen? Welche Antworten sind ihm wichtig geworden? Und was lässt sich aus seinemGespräch mit Teilhard ins Heute übertragen? Was können wir lernen, im Gespräch mit Big History, aber auch für uns selbst, als suchende und glaubendeMenschen heute? Richard Brüchsel stammt aus dem Berner Nordquartier. Nach einem Jahr an der ETH trat der begeisterte Bergsteiger ins Noviziat der Jesuiten ein. Damals hiess das: Schluss mit der Naturwissenschaft, erst Spiritualität, dann Philosophie, dann Theologie… Er spezialisierte sich auf die Exegese, doch seine grosse Liebe gehörte weiter der Naturwissenschaft.
Teilhard wurde zum Fixstern seines Universums; immer wieder traten und treten seine Vorträge in Dialog mit ihm. In einer Zeit der Krise fand das aki in P. Brüchsel 1977–1981 eine ruhige, stabilisierende Hand, die das Werk und seinen Ruf für eine neue Zukunft bereit machte. Mitte der 90er kehrte P. Brüchsel als Minister nach Bern zurück, für Hauswirtschaft und Finanzen verantwortlich. Diese Rolle füllte er bis zum Wegzug der Jesuiten in Bern gern, mit Herz und Verstand, aus.
Der Dialog, die Zusammenarbeit mit den Frauen, die Küche undWäsche besorgten, mit Erica Ryter und Vreni Bircher, waren ihm wichtig. Seit 2009 lebt er im Borromäum in Basel. Am Wochenende ist der begabte, klar strukturierende Prediger bis heute meist auf einer Kanzel des Berner Oberlands anzutreffen.

Thomas Philipp, Leiter des aki

Hinweis:
Begegnung mit Pater Richard Brüchsel am Mittwoch, 25. November, 18.30, im aki, Alpeneggstrasse 5. Anschliessend Apéro riche.

 

 

11. November 2015
  • Bildung