«An Stelle von barocker Machtentfaltung franziskanische Einfachheit» ist das Gebot der Stunde und – Glaubwürdigkeit. Robert Zemp. Foto: Pia Neuenschwander

«Die Gesellschaft profitiert von unseren Leistungen»

Robert Zemp präsidiert die Kirchgemeinde Langenthal, die im Oberaargau vier Pfarreien umfasst. Er nimmt zum Expertenbericht Kirche und Staat und zu den Chancen und Sorgen in seiner Kirchgemeinde Stellung. Eine glaubwürdige Kirche ist ihm wichtig.


«pfarrblatt»: Herr Zemp, wie und durch welche Aufgaben profitieren der Staat und die Gesellschaft von der Kirche in Ihrer Region?
Robert Zemp: Ein konkretes Beispiel: Die katholische Kirchgemeinde besitzt in Langenthal ein Kirchgemeindehaus. Das Haus mit grossem Saal und Bühne wird auch durch verschiedenste Organisationen aus der Region genutzt. Die Mieteinnahmen ergaben im letzten Jahr rund 50000 Franken. Diese Einnahmen könnten um 20000 Franken höher sein. Wir stellen die Räumlichkeiten kostenlos oder zu einem ermässigten Preis gemeinnützigen oder öffentlichen Institutionen zur Verfügung wie zum Beispiel an Pro Senectute, an Vereine mit kleinem Budget, einen Schachclub oder Schulen. Auch verschiedene Religionsgemeinschaften profitieren, wie etwa die Hindus für Hochzeiten. Dann aber profitiert die Gesellschaft auch durch die kirchliche Arbeit mit Kindern und Jugendlichen, die Altersarbeit, beim interkonfessionellen Mittagstisch, bei Weiterbildungen und Kulturangeboten und durch unzählige Freiwilligendienste. Unsere Leistungen sind vielfältig.

Sie präsidieren die Kirchgemeinde. Es wird immer schwieriger, Menschen für öffentliche Ämter zu finden. Was war Ihre Motivation?
Meine persönliche Motivation ist zum einen meine Herkunft. Ich bin im Luzernischen geboren, war im Internat bei den Steyler Missionaren in der Marienburg Rheineck SG, absolvierte meine Matura in Einsiedeln, habe in Fribourg Deutsch und Kunstgeschichte studiert, wurde Gymnasiallehrer. In Langenthal trat ich eine Stelle an und bin dort heute Prorektor. Ich habe mich relativ früh im Kirchgemeinderat engagiert. Zum anderen traf ich damals in der Diaspora, im Oberaargau, eine aufgeschlossene, lebendige katholische Kirche an.

Wie hat Kirche Sie geprägt?
Ich war mit neun Jahren Ministrant, habe als Jugendlicher den konziliaren Aufbruch voll mitbekommen und war begeistert. An der Stiftsschule Einsiedeln war eine kritische und fundierte Auseinandersetzung mit Fragen des Wissens und des Glaubens lebendige Tradition. Vorher im Internat in Reineck bei den Steyler Missionaren lernte ich den Holländischen Katechismus kennen, der in einer offenen und zeitgemässen Art den Glauben vermittelte. Als dann aber die ‹Pillen-Enzyklika› erschien, war ich total enttäuscht und wollte mit Kirche nichts mehr zu tun haben. Erst in Langenthal habe ich den Zugang wieder gefunden. Ich bin also einer liberalen, konziliaren Kirche verpflichtet.

Können Sie uns einen kurzen Steckbrief Ihrer Kirchgemeinde vermitteln?
Die Kirchgemeinde Langenthal deckt die Region Oberaargau ab, mit rund 50 politischen Gemeinden, vier Pfarreien und sechs Kirchen. In Langenthal und Herzogenbuchsee stehen die zwei ältesten Kirchen, sie wurden 1954 erbaut. Einen Aufschwung erlebte unsere Region später mit den Italienern, die in die Schweiz kamen. Da begann ein Kirchenbauboom. Heute ist rund die Hälfte der 11 000 Katholiken anderssprachig.

Wie steht es um die Ökumene?
Wir pflegen ein sehr gutes Verhältnis zur reformierten Kirchen und zu den Freikirchen. Im Kirchenchor Huttwil beispielsweise singen reformierte und katholische Mitchristen gemeinsam.

Welche speziellen Sorgen beschäftigen die Kirchgemeinde Langenthal?
Ganz klar der Personalmangel. In naher Zukunft fehlen Priester, Diakone oder Gemeindeleiterinnen und Gemeindeleiter. Aktuell arbeiten bei uns ein polnischer Priester, ein polnischer Italienerseelsorger, ein Priester aus Indonesien und ein Priester aus Basel und ein Diakon. Dann aber sind auch die neuen Pastoralräume nicht ganz unproblematisch. Die Zentralisierung mit Synergiegewinn hat ihre Vorteile. Wir dürfen aber die Nähe der Seelsorgenden zu den Pfarreiangehörigen in den ländlichen Pfarreien nicht verlieren. Diese Nähe ist und bleibt wesentlich.

Was für eine Bedeutung hat für Sie der vor Ostern veröffentlichte Expertenbericht zum Verhältnis Kirche und Staat?
Der Bericht ist eine sehr gute und detaillierte Analyse der Beziehung von Kirche und Staat im Kanton Bern. Erhellend ist auch der geschichtliche Rückblick. Er zeigt zudem spannende Möglichkeiten für die Entflechtung der Zusammenarbeit auf. Es wird im Bericht spürbar, dass wir uns alle um eine gute Form des Verhältnisses bemühen sollen. Für mich ist wichtig, dass der Staat sich nicht ganz zurückzieht.

Warum?
Der Staat hat die Funktion einer Kontrollinstanz. Er hat den gesetzlichen Auftrag, Religionsfreiheit und Religionsfrieden zu garantieren. Das ist ein Anliegen, das jede Kantonsbürgerin und jeden Kantonsbürger betrifft. Zudem soll der Staat wie bisher die hohe Qualität der Ausbildung von Geistlichen garantieren und einfordern. Das hat er bisher gemacht, und wir sind gut damit gefahren.

Der Bericht des Regierungsrates löste unterschiedliche Reaktionen aus. Die einen zeigen sich enttäuscht, die anderen sehen in den Neuerungen auch eine Chance. Was ist Ihre Haltung?
Angesichts des gesellschaftlichen Wandels sind Neuerungen für mich notwendig und klar eine Chance. Fragezeichen habe ich bei der Finanzierung. Wie viel Geld stellt der Staat den Kirchen zur Verfügung, kann er sich wirklich vom historischen Versprechen lösen, die Pfarrerlöhne zu bezahlen? Das sei keine juristische Frage mehr, wird gesagt. Es ist aber eine klar staatspolitische Frage, die uns noch beschäftigen wird. Man kann historische Gegebenheiten nicht einfach wegwischen.

Aktuell läuft eine Vernehmlassung zum Bericht des Regierungsrates. Wie geht es weiter?
Ich glaube, wir sind auf einemguten Weg. Die Landeskirchen und der Regierungsrat sind sich sehr wohlwollend gesinnt, beide wollen ein gemeinsames Ziel erreichen. Der Ausgang der Grossratsdebatte im September bleibt allerdings ungewiss. Der Regierungsrat berät die Berichte im Herbst. Bis dahin findet ein Meinungsbildungsprozess statt. Die Parteien werden die Berichte kritisch hinterfragen und Position beziehen. Das ist ihre Aufgabe. Ich war ja selber Mitglied des Grossen Rates und weiss deshalb, dass weiterhin das Gespräch mit den Mitgliedern des Parlamentes gesucht werden muss. Sonst laufen wir Gefahr, dass Halbwissen und Halbwahrheiten die Debatte im September prägen. Expertenbericht und Bericht der Regierung sind nun gute Grundlagen für den weiteren Informationsaustausch. Der Expertenbericht ist zwar umfangreich, jedoch gut zu lesen auch für Menschen, die eher kirchenfern leben.

Wie ist die Öffentlichkeit für die Kirchen zu gewinnen?
Mit Glaubwürdigkeit! Die hat in den letzten Jahren durch Reformblockaden und den Missbrauchsskandal in der Weltkirche enorm gelitten. Nun haben wir einen neuen Papst. Er ist eine spannende Persönlichkeit, hat an Stelle von barocker Machtentfaltung franziskanische Einfachheit eingeführt. Ich misstraue allerdings der Kurie, die seinen Reformbemühungen Steine in den Weg legt. Aber er hat schon viel erreicht, mehr Menschlichkeit, weniger Kirchengesetz. Das muss unser Weg bleiben.

Interview: Jürg Meienberg


Die röm.kath. Kirchgemeinde Langenthal zählt 11000 Mitglieder, aktuell leicht steigende Tendenz. Sie umfasst rund 50 politische Gemeinden, vier Pfarreien (Langenthal, Huttwil, Herzogenbuchsee und Wangen an der Aare) und sechs Kirchen. Sie verfügt über ein Budget von rund 3 Millionen Franken. Davon werden über 400'000 Franken für Soziales eingesetzt.

13. Mai 2015